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Wirtschaftsumfeld | Australien | Verhandlungspraxis

Kultureller Hintergrund

Australien zeichnet sich als Einwanderungsland par excellence durch eine große kulturelle Vielfalt aus. In den Bundesstaaten sind teils unterschiedliche Regelungen zu beachten.

Von Heiko Stumpf | Sydney

Der australische Staat wurde am 1. Januar 1901 als Zusammenschluss sechs britischer Kronkolonien gegründet. Mit den daraus entstandenen Bundesstaaten Queensland, New South Wales, Victoria, South Australia, Western Australia und Tasmanien ist Australien sehr föderal ausgerichtet.

Geschäftsreisende müssen regionale Unterschiede beachten

Durch weitreichende Gesetzgebungskompetenzen verfügen die australischen Bundesstaaten über eine hohe Eigenständigkeit. Bei der Geschäftstätigkeit in Australien müssen deshalb mitunter viele voneinander abweichende Regeln beachtet werden. Dies gilt nicht nur in Bezug auf Verkehrsvorschriften und gesetzliche Feiertage, sondern auch in Bereichen wie öffentliche Ausschreibungen, Arbeitsschutz und Berufszulassungen.

Die australischen Bundesstaaten formulieren zudem eigene Ziele für die Energie- und Klimapolitik. In der Abfallwirtschaft gibt es unterschiedliche Pfandsysteme. Auch der Transport von bestimmten Gütern wie Obst und Gemüse zwischen den Bundesstaaten unterliegt Beschränkungen. Die besondere Ausprägung des australischen Föderalismus zeigt sich auch in dem Umstand, dass es im Eisenbahnverkehr drei unterschiedliche Spurweiten gibt. Einige Bundesstaaten unterscheiden zwischen Sommer- und Winterzeit, andere nicht.

Neben den sechs Bundesstaaten besteht die staatliche Struktur Australiens aus Territorien (Australian Capital Territory, Northern Territory und Jervis Bay Territory), die direkt dem nationalen Parlament unterstehen, jedoch mit gewissen Selbstverwaltungsrechten ausgestattet sind. Das Land ist nach wie vor Mitglied im Commonwealth. Staatsoberhaupt ist der britische König.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine große Einwanderungswelle. Hunderttausende Menschen aus Europa und dem Nahen Osten emigrierten nach Australien, um dort im boomenden verarbeitenden Sektor zu arbeiten. Bis zum Ende der 1960er-Jahre erlebte der fünfte Kontinent einen enormen Wirtschaftsboom. Diese sogenannten Menzies Years sind nach Robert Menzies benannt, dem Mitbegründer der Liberalen Partei Australiens und Premierminister von 1949 bis 1966.

Viele der heutigen Werte wurden in dieser Zeit geprägt, wie die große Bedeutung der Familie oder eines eigenen Heimes. Aktuell leben über 80 Prozent der Australier in einem Einfamilienhaus. In den 1960er- und 1970er-Jahren gab es eine Reihe sozialer Reformen. So wurden die Rechte von Ureinwohnern (Aborigines) und Frauen gestärkt. Australien entwickelte sich zu einem ausgesprochen egalitären Staat.

Hohe Diversität und erfolgreiche Integration

Aufgrund der langen Geschichte als Einwanderungsland ist Australien eine sehr multikulturelle Gesellschaft. Seit 1970 hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten trug die Zuwanderung rund 60 Prozent zum Bevölkerungswachstum bei. Dabei lockt Australien mit einem punktebasierten Einwanderungsrecht sehr viele gut ausgebildete Immigranten an. Die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert hervorragend, rund 70 Prozent der Einwanderer sind erwerbstätig.

Heute leben auf dem australischen Kontinent Menschen aus über 190 verschiedenen Ländern. Rund 27,6 Prozent der Einwohner sind nicht in Australien geboren (Stand: 2021). Unter den OECD-Staaten steht Australien damit auf Rang zwei hinter Luxemburg. Nach den Briten stellen Personen aus Indien und China die größten Gruppen.

Die Heimatkultur wird in zahlreichen Gemeinschaften weitergepflegt, wobei sich die Zugewanderten schnell mit dem "Aussie Way of Life" wie Mateship (kameradschaftliche Freundschaft), A Fair Go (faire Chancen für alle) sowie einer humorvollen und optimistischen Lebenshaltung identifizieren.

Die Vielfalt der kulturellen Einflüsse könnte ein Grund dafür sein, dass es bei bestimmten Regeln, beispielsweise im Straßenverkehr oder im Umgang mit Behörden, wenig Toleranz gibt. Ein starres Regelwerk wird als nötig erachtet, um die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse in Einklang zu bringen. Alle werden gleich behandelt, für alle gelten ohne Ausnahme dieselben Regeln. Kulanz gibt es in australischen Amtsstuben daher nicht.

Verkehrsdelikte können kostspielig werden. Ausreden wie "Ich bin fremd hier, das wusste ich nicht" helfen nicht weiter. Gewöhnungsbedürftig für den deutschen Geschäftsreisenden dürften auch Fahrten mit Bus und Bahn sein – angefangen bei der typisch britischen Angewohnheit des Schlangestehens an Bushaltestellen. Selbst wenn nur drei oder vier Personen auf den Bus warten und keine Schlange gebildet wird, wird darauf geachtet, in welcher Reihenfolge eingestiegen wird. Sich beim Aussteigen beim Busfahrer zu bedanken, spiegelt die freundliche, egalitäre Wesensart der Australier wider. Jüngere Personen machen sofort ihren Platz frei, wenn ältere Fahrgäste einsteigen.

Besonderheiten in den bilateralen Beziehungen

Australier beziehen nur selten Position zum politischen Geschehen in Europa. Aktuelle Entwicklungen, beispielsweise zum Krieg in der Ukraine, werden jedoch aufmerksam verfolgt, sodass mit interessierten Fragen durch australische Gesprächspartner zu rechnen ist. Australier sind äußerst reisefreudig, denn viele Familien, besonders in Melbourne, haben europäische Wurzeln. Im Jahr 2021 lebten in Australien rund 101.000 Menschen, die in Deutschland geboren wurden. Insbesondere in South Australia gibt es viele Familien mit deutschen Wurzeln.

Zwischen Australien und Deutschland besteht ein freundschaftliches Verhältnis, das weiter ausgebaut wird. Australien ist wichtiger Wertepartner in der Region Asien-Pazifik. Im Juni 2021 fand die zweite Sitzung des deutsch-australischen Wirtschaftsausschusses statt. Durch das sich in Verhandlung befindliche Freihandelsabkommen zwischen Australien und der EU dürften sich die Handelsbeziehungen intensivieren. Auch im Rahmen der durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz initiierten Energiepartnerschaft findet ein reger Austausch statt. Eine enge Kooperation besteht zudem im Bereich Forschung und Entwicklung, etwa durch das Australia-Germany Research Network.

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