Markets International 1/25 I Niederlande I Investitionsklima
Auf gute Nachbarschaft
Unternehmen in den Niederlanden und in Deutschland gehen gemeinsame Wege. So verfolgen sie ähnliche Ziele und untermauern ihre starke Wettbewerbssituation gegenüber der Konkurrenz – in und außerhalb Europas.
02.04.2025
Von Michael Sauermost | Bonn
Was im Fußball in der Vergangenheit bisweilen auf der Kippe stand, wird auf ökonomischem Terrain des Öfteren eindrucksvoll praktiziert: deutsch-niederländische Harmonie. Im Oktober 2024 fand zum sechsten Mal der Duitslandtag statt – eines der wichtigsten deutsch-niederländischen Wirtschaftsevents. Es gewährt niederländischen Unternehmen Einblicke in Themen rund um den Markteinstieg in die Bundesrepublik. Im Rahmenprogramm zeigt sich die grenzübergreifende Eintracht: Beim Deutsch-Niederländischen Innovationspreis teilten sich Unternehmen aus beiden Ländern das Podium.
Markets International Ausgabe 1/25

Dieser Beitrag stammt aus der Zeitschrift Markets International, Ausgabe 1/2025 mit dem Schwerpunkt Robotik. Erfahren Sie, welche weiteren Beiträge die Ausgabe für Sie bereit hält.
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Den ersten Preis schnappte sich das robotische Exoskelett Noac des in Tübingen ansässigen Start-ups Hellstern Medical. Noac soll Chirurgen bei langen Operationen unterstützen, ihre Arbeitsbedingungen verbessern und die Sicherheit für die Patienten erhöhen. In deutschen Kliniken ist Noac bereits erfolgreich im Einsatz, nun wollen die Gründer den niederländischen Markt erschließen. Finalisten waren auch das Start-up Enginius der Faun-Group mit emissionsfreien Wasserstoff-Trucks sowie das niederländische Start-up Hoekmine BV, das nachhaltige, biologisch abbaubare Farbstoffe und fortschrittliche Biosensorlösungen entwickelt hat.
Tatsächlich ist die Wirtschaft der beiden Nachbarländer eng miteinander verflochten. Weltweit sind die Niederlande für die Bundesrepublik nach China und den USA der drittwichtigste Markt. 2023 belief sich das Handelsvolumen auf 215 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen exportierten vor allem Maschinen, Autos und chemische Erzeugnisse.
Attraktives Land für Investoren

Für deutsche Investoren gehen die Vorzüge der Niederlande jedoch weit über die geografische Nähe hinaus. Das stabile makroökonomische Klima, ein hoch entwickelter Finanzsektor, produktive Arbeitskräfte sowie eine hochwertige Infrastruktur zählen zu den Vorzügen. Das Land zählt zu den größten Empfängern und Quellen ausländischer Direktinvestitionen weltweit.
Die USA, das Vereinigte Königreich sowie Deutschland führen die Liste der Ursprungsländer traditionell an. Sie investieren vor allem in die Logistik, Informationstechnologie sowie die Industrie. Die wettbewerbsfähige Logistik wird durch den größten und modernsten Seehafen Europas in Rotterdam sowie den drittgrößten Flughafen, Amsterdam Airport Schiphol, geprägt.
Eine Branche in den Niederlanden, die sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt hat und auch für deutsche Zulieferer zunehmend interessant wird, ist die Elektronik- und Halbleiterindustrie. Bis zum Jahr 2029 sollen laut Statista die Umsätze in dem Zukunftssektor um jährlich etwa 8,8 Prozent auf rund 17,84 Milliarden Euro wachsen. Die größte Erfolgsstory schreibt das niederländische Unternehmen ASML mit seinen Maschinen zur Produktion von Mikrochips. Der Marktwert von ASML hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verzehnfacht. Nutznießer waren dabei auch die prominenten deutschen Zulieferfirmen Carl Zeiss sowie Trumpf.
Welche großen wirtschaftlichen Chancen sich aus solchen Kooperationen im Bereich der Innovation und Technologie ergeben, betont auch die niederländische Ministerin für Wirtschaft und Klima, Micky Adriaansens. Dabei gehe es vor allem darum, „die Klimaziele sowie das Ziel, bis 2050 kreislauffähig zu sein, erreichen zu können“. Gemeinsam könnten grüne Energielösungen wie Batterietechnologien oder Wind- und Solarenergie dazu beitragen, dass sich beide Länder in der Weltwirtschaft künftig noch stärker positionierten.
Auf stabile Zulieferungen kommt es an
Letzteres soll auch durch eine Stabilisierung kritischer Lieferketten erfolgen. Da immer mehr Unternehmen ihre Produktion zurück nach Europa verlagern, wird die Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit der Lieferketten immer wichtiger. Als Game Changer bezeichnet dies der niederländische Automobilverband RAI.
Europas Intelligenzbestie
Die industriellen Ballungsgebiete rund um den Tiefseehafen in Rotterdam sowie rund um den Flughafen Amsterdam Schiphol gelten als die wichtigsten Wirtschaftszentren der Niederlande. Übersehen wird in diesem Zusammenhang in der Regel ein weiterer „Hafen“: die Innovationsregion Brainport Eindhoven. In dem niederländischen Silicon Valley siedelt sich zunehmend Hightech-Industrie an. Dort, an der Geburtsstätte von Philips, agieren mittlerweile rund 5.000 Technologie- und IT-Unternehmen – von Start-ups bis zu multinationalen Playern wie ASML, Signify, Thermo Fisher Scientific, Sioux oder NXP. Als Schlüsseltechnologien der intelligenten Region im Süden der Niederlande gelten unter anderem die Mikro- und Nanoelektronik, künstliche Intelligenz, integrierte Photonik, digitale Technologien und Advanced Manufacturing. Der High Tech Campus Eindhoven verfügt über 235 Start-ups mit mehr als 12.000 Innovatoren, Forschern und Ingenieuren.
Was die traditionellen Rohstoffketten betrifft, so hat die niederländische Industrie gemeinsam mit der Logistikbranche bereits entsprechende Strukturen aufgebaut. Die Digitalisierung der Lieferketten in Europa sieht Smart-Industry-Experte Peter van Harten als Schlüssel für wettbewerbsfähige Kooperationen. Allgemein setzen die Niederlande auf digitale Innovation. KMU sowie Start-ups sollen davon besonders profitieren.
Digitale Innovationen bieten zahlreiche Chancen für deutsch-niederländische Kooperationen. Schließlich schätzen niederländische Unternehmen den deutschen Mittelstand, so Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK). Besonders interessant sei auch die Zusammenarbeit in bilateralen Reallaboren. Diese Field Labs, wie sie in den Niederlanden heißen, sieht Gülker in vielen verschiedenen Bereichen, zum Beispiel in der Robotik, Photonik und IT.
Was Kooperationen in Sachen Innovation betrifft, so scheinen sich beide Nachbarländer hervorragend zu ergänzen: „Die Niederlande haben einen pragmatischen Ansatz und weniger Angst vor Veränderungen. Daher greifen sie Innovationen schneller auf. Deutschland ist vorsichtiger, bereitet sich aber letztlich besser vor“, sagt DNHK-Präsidentin Eva van Pelt.
Technologien für die Zukunft
Unter der Führung des Thinktanks Holland High Tech haben die Niederlande eine umfassende Innovationsstrategie entwickelt, die für deutsch-niederländische Kooperationen von großer Bedeutung ist. Sie konzentriert sich auf 15 Zukunftstechnologien, bei denen sich beide Länder ergänzen und gegenseitig stärken können, um den technologischen Fortschritt in beiden Ländern zu beschleunigen. Die identifizierten Branchen sind:
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1. Automobilindustrie Im Fokus stehen intelligente und nachhaltige Mobilitätssysteme mit Schwerpunkt auf Elektro- und Wasserstofffahrzeugen, neuen Batterietechnologien und Sicherheit.
2. Halbleitermaschinen Die Niederlande verfügen über Know-how für die Produktion fortschrittlicher Mikrochips, wie sie in der Elektronik- und Automobilindustrie gebraucht werden.
3. Drucktechnologie 3D-Druckverfahren und innovative Grafiktechniken kommen Fertigungsprozessen diverser Branchen zugute.
4. Elektronik Vor allem die Bereiche Sensorik und Embedded Systems bringen die Digitalisierung und Automatisierung der industriellen Produktion voran.
5. Hightech-Materialien In der Luft- und Raumfahrt sowie in der Automobilbranche sind immer leichtere Materialien gefragt, die aber auch robust sein müssen.
6. Raumfahrt Niederländische Experten konzentrieren sich auf die Bereiche Satellitenkommunikation, Beobachtungssysteme und Weltraumforschung – gerne in Kooperation mit deutschen Behörden.
7. Photonik Neuentwicklungen aus diesem Bereich spielen insbesondere in der Telekommunikation, in der Sensorik und in der Medizintechnik eine wichtige Rolle.
8. Beleuchtungstechnik Innovative LEDs und Laser sind vor allem bei medizinischen Geräten und in der Kommunikation gefragt.
9. Smart Industry Intelligente Fabriken mit einem möglichst hohen Anteil an Automatisierung sind auch für deutsche Industrieunternehmen interessant.
10. Fortschrittliche Messgeräte Niederländische Fachleute sind Vorreiter bei Präzisionsmessgeräten, die zu Qualitätskontrollen und in der Forschung gebraucht werden.
11. Luftfahrt Die Forschungen konzentrieren sich auf nachhaltigere und effizientere Flugzeugtechnologien.
12. Systems Engineering Von der Entwicklung komplexer Systeme profitieren deutsche Großprojekte aus den Bereichen Industrie und Energieinfrastruktur.
13. Gesundheitstechnologie Fortschrittliche Medizintechnologien und E-Health-Lösungen aus den Niederlanden verbessern weltweit Diagnostiken und Behandlungen.
14. Nanotechnologie Neue Materialien mit ungeahnten Eigenschaften können in vielen Branchen helfen, Herausforderungen zu meistern.
15. Sicherheitstechnologie Cybersecurity und der Schutz kritischer Infrastrukturen gewinnen zunehmend an Bedeutung und stehen deshalb im Fokus der niederländischen Forschenden.