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Ukrainekrieg beeinträchtigt weltweite Versorgung mit Getreide

Die Ukraine und Russland sind zwei der weltweit größten Getreideexporteure. Trotz der russischen Seeblockade gelangt ukrainischer Weizen auf den Weltmarkt und lindert den Hunger.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

Getreide aus der Ukraine und Russland ist für die weltweite Nahrungsmittelversorgung unerlässlich. Beide Länder stehen für rund ein Viertel der globalen Getreide- und Weizenproduktion. Getreideexporte gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen der Ukraine. Russlands Seeblockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen nach Kriegsbeginn verhindert die Ausfuhr von Getreide auf den Weltmarkt und entzieht der Ukraine dringend benötigte Devisen.

EU erlaubt zollfreien Import von Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine

Die EU verlängert die zollfreie Einfuhr von ukrainischem Getreide und Ölsaaten bis Juni 2024. So dürfen weiterhin Weizen, Mais, Raps und Sonnenblumenkerne aus der Ukraine zollfrei in die EU geliefert werden. Vorausgegangen war eine grundsätzliche Einigung im Streit über den Transport von ukrainischem Getreide durch fünf mittelost- und südosteuropäische EU-Mitgliedsländer. Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien hatten im Frühjahr 2023 zeitweise Einfuhrbeschränkungen für ukrainisches Getreide verhängt. Dies aus Sorge, dass die günstigeren und zollfreien Agrarimporte aus der Ukraine zu Preiseinbrüchen führen und dadurch heimischen Bauern Einnahmen entgehen. Im Gegenzug für die Öffnung der Grenzen für ukrainische Agrarprodukte schnürte die EU für Landwirte aus den betroffenen Ländern ein Hilfspaket von 100 Millionen Euro.

Russlands Seeblockade der Schwarzmeerhäfen beschränkt die Getreideexporte der Ukraine weiterhin. Damit die ehemals per Schiff transportierten großen Getreidemengen das Land verlassen konnten, richtete die EU im Mai 2022 sogenannte „Solidaritätskorridore“ ein. Der Staatenbund vereinfacht damit den Transport und die Grenzkontrollen für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Ukraine. Über die Solidaritätskorridore gelangten bis Ende 2022 rund 17 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine – rund die Hälfte der Getreideexporte des Landes.

Auf festgelegten Routen wird ukrainisches Getreide, das für den Weltmarkt bestimmt ist, auf der Straße oder Schiene zu Häfen in der EU transportiert. Von dort kann es dann in andere Teile der Welt verschifft werden. Doch logistische Probleme verzögern den Weitertransport per Schiff und Bahn. Deshalb stecken Millionen Tonnen ukrainischen Getreides in Europa fest.

Getreideabkommen um weitere zwei Monate verlängert

Russland und die Ukraine verlängerten am 17. Mai 2023 - einen Tag vor dem Auslaufen - das von den Vereinten Nationen (UN) unterstützte Getreideabkommen um weitere zwei Monate. Die am 1. August 2022 in Kraft getretene Vereinbarung ermöglicht trotz der russischen Seeblockade die sichere Ausfuhr von ukrainischem Getreide durch einen Schutzkorridor im Schwarzen Meer. Seit Inkrafttreten des Getreideabkommens wurden den UN zufolge fast 30 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Güter auf diesem Weg exportiert. Im Jahr 2022 kam über die Hälfte des Weizenbedarfs für das Welternährungsprogramm der UN aus der Ukraine.

Doch Russland beklagt, dass die Hindernisse für die Ausfuhr russischer Düngemittel- und Agrarexporte nicht wie vereinbart beseitigt worden seien. Demnach behindern vor allem die infolge von Sanktionen aufgetretenen Beschränkungen im Zahlungsverkehr, in der Logistik und im Versicherungswesen den Export von russischem Getreide und Düngemitteln. Sollten keine Erleichterungen für russische Agrarproduzenten kommen, droht Russland damit, die Blockade der Häfen Odessa, Piwdenny und Tschornomorsk wieder aufzunehmen.

Weltmarktpreise für Getreide stabilisieren sich

Das Getreideabkommen trägt entscheidend dazu bei, die Weltmarktpreise auf Lebensmittel zu stabilisieren. Nachdem der Getreidepreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) nach Kriegsbeginn im Mai 2022 auf einen Höchstwert von 173,5 Punkten geklettert war, sank er nach Beginn des Getreideabkommens bis Ende Februar 2023 auf 146,7 Punkte. Dieser Wert liegt aber immer noch um 11 Prozent über dem Vorkriegsniveau des Jahres 2021.

Kriegsfolgen verringern Ernteerträge in der Ukraine

Die Exporte von Getreide aus der Ukraine gehen in der Erntesaison 2022/2023 um rund ein Drittel auf und 18 Millionen Tonnen zurück, meldet das ukrainische Landwirtschaftsministerium. Die Getreideernte in der Ukraine wird 2023 um 3 Prozent auf 49,5 Millionen Tonnen sinken, warnt das Wirtschaftsministerium. Gründe sind verminte Felder in den befreiten Regionen und die um rund ein Fünftel geringere Anbaufläche in den besetzten Gebieten. Zudem fehlt es vielen ukrainischen Bauern an Geld, um Saatgut und Pestizide zu beschaffen. Im Jahr 2021 hatte die Ukraine mit 86 Millionen Tonnen Getreide noch eine Rekordernte eingefahren.

Russland steigert Getreideausfuhren

Russland wird im Jahr 2023 rund 125 Millionen Tonnen Getreide ernten, darunter 80 Millionen Tonnen Weizen, prognostiziert Landwirtschaftsminister Dmitrij Patruschew. In dieser Mengenangabe enthalten sind Ernteerträge aus den besetzten Gebieten im Süden und Osten der Ukraine. Im Jahr 2022 fuhr Russland eine Getreideernte von rund 130 Millionen Tonnen ein. Darunter befanden sich mindestens 5,8 Millionen Tonnen entwendeter Weizen im Wert von rund 950 Millionen Euro von ukrainischen Feldern, die nicht unter der Kontrolle der Regierung in Kiew stehen, meldet die US-Raumfahrtbehörde NASA.

Die russischen Getreideexporte steigen im Wirtschaftsjahr 2022/23 (Juli bis Juni) auf rund 55 Millionen Tonnen, schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Sie liegen damit rund ein Fünftel über dem Fünfjahresdurchschnitt.

Russland verteuert die Ausfuhr von Getreide durch Zölle. Seit Mitte 2021 beträgt die Abgabe rund 150 bis 170 Euro pro Tonne Getreide. Doch die Exportzölle auf Getreide schaden russischen Produzenten mehr, als sie nützen, klagt der Präsident des Russischen Getreideverbands Arkadij Slotschewskij. Die Abgabe habe die Ausfuhren verringert und die Preise auf dem Binnenmarkt gedrückt. Die Branche habe dadurch umgerechnet mehr als 11,5 Milliarden Euro Verluste erlitten.

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