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Infrastrukturausbau hält das Wachstum im Bausektor stabil
Der Wohnungsbau verliert wegen gestiegener Kosten für Kredite, Material und Personal an Schwung. Infrastrukturprojekte, die mit EU-Geldern gefördert werden, garantieren Wachstum.
04.11.2022
Von Dominik Vorhölter | Bukarest
- Inflation setzt Baufirmen zu
- Verwaltungen erteilen weniger Baugenehmigungen
- Kreditkosten steigen
- Privater Wohnungsbau ist Wachstumsmotor
- Staat fördert energetische Sanierungen
- Infrastrukturprojekte machen Bausektor mittelfristig attraktiv
- Autobahnausbau schreitet voran
- Nachfrage nach Logistikzentren steigt
Das Baugewerbe in Rumänien wird 2022 voraussichtlich um real 5 Prozent wachsen, prognostiziert die rumänische Kommission für makroökonomische Prognosen. Jedoch verlangsamt sich derzeit die Geschwindigkeit im Hochbau, mit der Baufirmen ihre Aufträge zu Ende bringen. Entsprechend werden die Bauinvestitionen in den Segmenten Wohnungsneubau, Renovierung, Nichtwohnungsbau im kommenden Jahr voraussichtlich langsamer wachsen, schätzt IBC Focus, ein Beratungsunternehmen für die Baubranche.
Inflation setzt Baufirmen zu
Der Grund dafür ist der rasante Anstieg der Kosten für Material und Personal. Zusätzlich verzögern zu spät eintreffende Lieferungen die Ausführung der Bauarbeiten. "Die Auftraggeber sind vorsichtiger geworden und haben es nicht unbedingt eilig, die Baustellen zügig zu Ende zu bringen. Für die Baufirmen bedeutet dies mehr Stress, denn sie müssen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter beschäftigt bleiben", berichtet Andrei Spataru, Direktor von IBC Focus.
Verwaltungen erteilen weniger Baugenehmigungen
Die Baugenehmigungen sind landesweit gegenüber dem 1. Halbjahr 2021 innerhalb der ersten sechs Monate dieses Jahres um 7 Prozent eingebrochen, meldet das Nationale Statistikinstitut (INS). Dies deutet darauf hin, dass Baufirmen künftig weniger Aufträge im privaten Wohnungsbau generieren können. Im Jahr 2021 erteilten die Verwaltungen im Land noch 21 Prozent mehr Baugenehmigungen für Wohngebäude als im Jahr 2020. Aktuell stagniert auch der Verkauf von Bauland. Dies liegt an der gesunkenen Nachfrage in Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, stellt das Beratungsunternehmen Colliers fest.
Kennziffer | 2019 (in Mio. Euro) 2) | 2020 (in Mio. Euro) 3) | Veränderung 2020/2021 (in Prozent) |
---|---|---|---|
Wert der gesamten Bauinvestitionen, davon | 23.059 | 26.283 | 14 |
Wohnungsbau | 9.471 | 10.794 | 14 |
öffentlich | 91 | 89 | 2,2 |
privat | 9.380 | 10.705 | 14,1 |
Wirtschaftsbau 1) | 6.431 | 6.930 | 7,8 |
Infrastrukturbau1) | 4.246 | 5.488 | 29,3 |
Wert der erbrachten Ingenieur-, Architektur- und Consultingleistungen | 2.911 | 3.071 | 5,5 |
Kreditkosten steigen
Ein weiterer Grund für das langsame Wachstum ist der Anstieg der Finanzierungskosten. Zinsen für Hypothekendarlehen in Landeswährung sind im Oktober 2022 gegenüber dem Vorjahr von 2,2 auf 8 Prozent gestiegen. Zusätzlich ziehen die Preise für Baumaterialien, etwa Gipsplatten oder andere Baustoffe an. "Besonders die Baustoffe, die auf petrochemischer Basis produziert werden, sind gegenüber dem Vorjahr um bis zu 80 Prozent teurer geworden. In Rumänien gibt es keine petrochemische Industrie, die Rohstoffe für Baumaterialien herstellt", erklärt Irinel Gheorge von der Feration of Patronages of Construction Societies.
Privater Wohnungsbau ist Wachstumsmotor
Dabei ist der private Wohnungsbau bislang der Wachstumstreiber im Bausektor. Im privaten Baugewerbe entfallen 76 Prozent 2022 aller Aufträge auf Neubauten, der Rest sind Sanierungsarbeiten und Umbauten. Der Infrastrukturbau steht für 29 Prozent aller Projekte.
Bezeichnung | Investitionssumme (in Mio. Euro) | Auftraggeber |
---|---|---|
Bau eines Monategewerks für Traktoren in Ghiroc bei Arad | 400 | |
Regionalkrankenhaus in Craiova | 368 | |
Bau einer Zellstoff- und Papierfabrik in Giurgiu | 300 | Paper Invest SA |
Produktion von Stahlbeton in Targoviste | 300 | |
Bau einer neuen Produktionsstätte für Dämmstoffe und Gipskartonplatten | 200 | |
Wohnungsbau in Brasov | 120 | |
Wohnungsbau in Sibiu | 70 | |
Bau von Wohn- und Bürogebäuden in Cluij-Napoca | 45 |
Staat fördert energetische Sanierungen
Für die Sanierung von Wohngebäuden stehen rund 3 Milliarden Euro Fördermittel von der Europäischen Union (EU) bereit. Dieses Geld vergibt der Staat im Rahmen des Förderprogramms "Renovierungswelle". Mit diesem Geld müssen rund 4.350 Gebäude im gesamten Land erdbebensicher und energieeffizienter saniert werden. Eine energieeffiziente Sanierung von Wohngebäuden senkt die Heizkosten um bis zu 40 Prozent, so eine Studie des rumänischen Umweltministeriums. Eine förderfähige energetische Sanierung enthält unter anderem folgende Maßnahmen:
- Wärmedämmung der Fassade
- Energieeffiziente Fenster und Türen
- Thermohydraulische Dämmung des Fußbodens
- Erneuerung der Heizanlagen
Infrastrukturprojekte machen Bausektor mittelfristig attraktiv
Trotzdem bleibt Rumänien ein attraktiver Markt für Investoren, denn das Land muss in den kommenden fünf Jahren große Infrastrukturprojekte in den Bereichen Verkehr, Energie und Gesundheitswesen umsetzen. Dafür hat Rumänien Zugriff auf Fördermittel der Europäischen Union in Höhe von bis zu 80 Milliarden Euro im Zeitraum bis 2027.
Die Prognosekommission der Regierung rechnet damit, dass die mit EU-Geldern geförderten Projekte im Infrastrukturbau den rumänischen Bausektor anschieben: Sie prognostiziert einen Zuwachs im Baugewerbe von 7,4 Prozent im Jahr 2023 und von 9 Prozent im Jahr 2024. Ein Teil der EU-Mittel fließt in den Ausbau der Autobahnen. Die Regierung plant, für die kommenden Jahre 3 Milliarden Euro in den Ausbau der Autobahn A7 zu investieren, die den Süden Rumäniens mit dem Nordosten verbindet.
Autobahnausbau schreitet voran
In Rumänien werden laut der Agentur für Nationalen Straßenbau CNAIR bis Ende des Jahres 2023 voraussichtlich folgende Straßenabschnitte eröffnet werden: Ein weiterer 10 Kilometer langer Abschnitt auf dem Autobahnring um Bukarest, zwischen der Nationalstraße DN1 und der Autobahn A3 sowie ein 18 Kilometer langer Abschnitt zwischen der Autobahn A1 und der Nationalstraße DN6. Außerdem erwartet die CNAIR die Vollendung der 11 Kilometer-Strecke einer Schnellstraße zwischen Galati und Brăila und einer 18 Kilometer langen Schnellstraße von Oreada zur Autobahn A3, die an der Grenze Richtung der ungarischen Stadt Debrecen ausgebaut ist. Die Abschnitte in Rumänien Richtung Cluj-Napoca befinden sich noch im Bau.
Nachfrage nach Logistikzentren steigt
Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wirkt positiv auf den Markt für Industriebauten. Zudem zieht es europäische Unternehmen, die Lieferketten diversifizieren wollen, auf den rumänischen Markt. Das Beratungsunternehmen Colliers beobachtete im 1. Halbjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr eine um 54 Prozent größere Nachfrage nach Lager- und Logistikzentren.