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Biomethan als neuer Exportschlager der Ukraine

Die hohen Erdgaspreise machen die Produktion von Biomethan in der Ukraine rentabel. Das Land möchte zu einem führenden Hersteller des Energieträgers aufsteigen.

Von Gerit Schulze | Berlin

Der extreme Preisanstieg für Erdgas lässt die Ukraine von einem neuen Geschäftsfeld träumen: der Produktion von Biomethan. Bislang waren die Erzeugerkosten zu hoch, um mit fossilem Erdgas mithalten zu können. Doch seitdem die Gaspreise durch die Decke gehen, lohne sich ein Investment in Biomethan, erklärt Georgii Geletucha, Vorstandsvorsitzender beim Bioenergieverband UABIO. Er stellte das Potenzial Mitte September 2022 bei einer Online-Veranstaltung der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK) vor.

Schon über 70 Biogasanlagen im Land

Die Ukraine kann sich dabei auf die vorhandene Biogas-Infrastruktur stützen. Aktuell produzieren 73 Anlagen rund 260 Millionen Kubikmeter Biogas pro Jahr. Würde dieses Biogas zu Biomethan aufbereitet, könnte man daraus theoretisch 150 Millionen Kubikmeter Biomethan gewinnen. Wie Erdgas kann es dann zur Produktion von Elektrizität und Wärme sowie als Kraftstoff genutzt werden.

Die ukrainische Regierung unterstützt die Gewinnung des alternativen Brennstoffs. Im Oktober 2021 wurde das Gesetz Nr. 1820-IX zur Entwicklung der Biomethanproduktion verabschiedet. Im Juli 2022 beschloss das Energieministerium, innerhalb von sechs Monaten ein Register aufzubauen, in dem sich Produzenten eintragen müssen. Erst dann dürfen sie den Brennstoff in das Gasleitungsnetz einspeisen.

Erzeuger müssen Audit durchlaufen

Für den Aufbau des Registers ist die Staatliche Agentur für Energieeffizienz SAEE zuständig. Die Biomethanhersteller müssen ein Audit ihrer Produktionsanlagen durchlaufen. Dabei soll der Auditor sich am Biotreibstoff-Zertifizierungssystem der Europäischen Union (EU) orientieren, um das Gas später auch in Europa verkaufen zu können.

Die Einspeisung von Biomethan in das Erdgasleitungsnetz regelt eine Verordnung der Regulierungsbehörde NERC vom 2. August 2022. Sie erlaubt einen Sauerstoffanteil von 0,2 Prozent für die Zuführung von Biomethan in das Gastransportsystem und von 1 Prozent im Gasverteilsystem. Rund 30 Erzeuger haben beim Netzbetreiber Gas TSO of Ukraine einen Antrag auf Einspeisung gestellt.

Zwei Produktionslinien kurz vor der Eröffnung

Bislang produziert die Ukraine Biomethan noch nicht in großem Maßstab. Doch zwei Anlagen auf Basis bestehender Biogaswerke stehen kurz vor der Fertigstellung. Das Unternehmen Chernihivgaz JSC (gehört zur Agrarholding Gals Agro) will bis Ende 2022 die erste ukrainische Biomethanproduktion an das Gasverteilernetz anschließen. Die Anlage ist für Jahreskapazitäten von 3 Millionen Kubikmeter Biomethan ausgelegt.

Ein zweites Werk soll im Ort Mychailyn im Gebiet Winnyzja entstehen. Der dortige Biogasproduzent Yuzefo-Mykolaiv Biogas Company will ab dem 1. Halbjahr 2023 Biomethan erzeugen. Die Jahreskapazität soll 18 Millionen Kubikmeter betragen.

Laut Verband UABIO planen 2023 fünf weitere Hersteller einen Produktionsstart.

Mit Exporten höhere Erlöse möglich

Der Verband UABIO geht davon aus, dass die Ukraine ab 2030 bereits 1 Milliarde Kubikmeter Biomethan produzieren könnte. Bis 2050 soll der Wert auf 4,5 Milliarden Kubikmeter steigen.

Langfristig sind bis zu 10 Milliarden Kubikmeter Biomethan pro Jahr möglich, hat UABIO errechnet. Das größte Potenzial haben die Regionen Winnyzja, Kiew, Tscherkassy, Poltawa und Dnipropetrowsk mit Jahreskapazitäten von jeweils über 500 Millionen Kubikmeter.

Verbandschef Geletucha erwartet, dass die Hälfte der Inlandsproduktion in den Export geht, weil dort höhere Erlöse zu erzielen sind. "In Westeuropa sind die Biomethanhändler bereit, eine Prämie zum Erdgaspreis von bis zu 600 Euro je 1.000 Kubikmeter zu zahlen, vor allem, wenn für die Herstellung Abfälle genutzt werden", erklärt der Experte. "Solche Preisaufschläge gibt es in der Ukraine nicht.“ 

Produktionskosten weit unter aktuellem Erdgaspreis

Laut Branchenverband UABIO sind für eine typische Biomethananlage in der Ukraine derzeit Investitionen zwischen 16,3 Millionen und 17,5 Millionen Euro nötig. Die Herstellung von 1.000 Kubikmeter Biomethan im Land kostet 520 bis 530 Euro, davon entfallen knapp 200 Euro auf die Rohstoffe. Die Großhandelspreise für Erdgas in Westeuropa liegen zurzeit bei 1.800 bis 2.000 Euro je 1.000 Kubikmeter (180 bis 200 Euro je Megawattstunde).


Agrarholdings produzieren viel Biomasse 

Auch die Agrarholding Vitagro aus der Region Chmelnyzkyj wollte schon 2022 eine Biomethan-Produktion starten, musste das Projekt aber wegen des russischen Angriffskrieges verschieben. "Wir haben viele Agrarabfälle wie Getreidereste und Silage", erklärte Wolodymyr Iwachiw beim AHK-Webinar das Interesse des Unternehmens. Er leitet die Abteilung für erneuerbare Energiequellen beim Tochterunternehmen Vit Energy und sieht für Biomethan eine sehr positive Marktdynamik, vor allem bei den Exporten.

Im Rahmen ihres "REPowerEU"-Plans weist die EU Biomethan eine wichtige Rolle bei der Diversifizierung der Gasversorgung zu. Das im Mai 2022 veröffentlichte Arbeitsdokument der EU-Kommission empfiehlt, die Produktion in Europa bis 2030 auf 35 Milliarden Kubikmeter hochzufahren und Biomethan verstärkt in den Gasbinnenmarkt zu integrieren. Das eröffnet für ukrainische Hersteller gute Lieferchancen.

Iwachiw verweist jedoch auf den hohen Kapitaleinsatz, der für den Bau von Biogasanlagen notwendig sei. "Die Banken in der Ukraine haben die Finanzierung solcher Vorhaben weitgehend eingestellt." Daher hofft die Branche auf einen "Grünen Fonds", den die ukrainische Regierung zur Unterstützung solcher Investitionsprojekte plant. Laut Energieministerium soll der Fonds im Februar 2023 starten.

Lukrativer Markt für deutsche Anlagenbauer

Auch für deutsche Investoren und Anlagenhersteller könnte die Ukraine ein lukrativer Biomethanstandort werden, glaubt Jörg Meissner. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens Alternative Energiesysteme und Umwelttechnik, das Deponiegasanlagen in Wynnizja und Krementschuk betreibt.

"Bei den aktuell hohen Erdgaspreisen lohnt sich eine Biomethananlage inzwischen ohne Fördermittel oder Subventionen." Chancen sieht der Marktkenner vor allem in ukrainischen Großstädten ab 100.000 Einwohnern, die viel Hausmüll generieren und ihre Abfallwirtschaft modernisieren. In Deutschland dauere der Planungs- und Projektierungsvorlauf für solche Anlagen bis zu drei Jahre, so Meissners Erfahrungen. "Das geht in der Ukraine sehr viel schneller, wenn die politische Unterstützung da ist."

Potenzielle Rohstoffquellen für Biomethan-Produktion in der Ukraine

Rohstoff

Jahrespotenzial in Mio. cbm

Erntereste

4.894

Maissilage

2.697

Dung

891

Nahrungsmittelindustrie

654

feste Siedlungsabfälle

526

Klärschlamm

70

Quelle: Ukrainischer Bioenergieverband UABIO, 2022

Update: In einer früheren Version des Beitrags war die Rede von einer Biogasproduktion in Höhe von 260 Millionen Tonnen (bzw. 150 Millionen Tonnen Biomethan). Es handelt sich jeweils um Millionen Kubikmeter. Dies wurde korrigiert.

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