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Türkische Kfz-Branche erwartet schwierige zweite Jahreshälfte
Das Auslandsgeschäft der Automobilindustrie in der Türkei stagniert, der Inlandsmarkt schrumpft. Investiert wird trotzdem, vor allem im Elektrosegment.
15.10.2024
Von Katrin Pasvantis | Istanbul
Der Absatz von Kfz wird im Jahr 2024 nicht das Rekordniveau des Vorjahres erreichen können. Die Branche rechnet mit deutlichen Rückgängen im Inlandsmarkt, und die Exporte könnten stagnieren. Insbesondere in der EU, dem wichtigsten Exportmarkt der türkischen Automobilindustrie, entwickeln sich die Pkw-Neuzulassungen seit Jahresbeginn unsicher. Mehr als zwei Drittel der türkischen Produktion von Autos und Bussen gehen ins Ausland. Bei Lkw ist es knapp ein Drittel.
Die türkische Kfz-Industrie prognostiziert, dass das 2. Halbjahr 2024 schwierig wird. Der Absatz von Kfz wird sich im Gesamtjahr voraussichtlich auf 950.000 bis 1 Million Fahrzeuge reduzieren. Erst 2025 dürfte sich die Branche erholen.
Rückgänge nach Rekordjahr erwartet
Im Jahr 2023 stieg der Inlandsabsatz von Pkw, Bussen und Lkw um insgesamt 53 Prozent im Vorjahrsvergleich auf über 1,3 Millionen Fahrzeuge. Importfahrzeuge sind gefragt, aber auch die lokale Produktion legte kräftig zu. Viele Privatleute und Unternehmen kauften Autos und Nutzfahrzeuge als Anlageobjekte. Zu diesem Trend trugen die hohe Inflation, niedrige Kreditzinsen und tendenziell steigende Wiederverkaufswerte bei. Die Nachfrage bei Neu- und Gebrauchtwagen war höher als das Angebot.
Die Produktion von Pkw ging im 1. Halbjahr 2024 um 0,4 Prozent zurück, die Fertigung von Nutzfahrzeugen sogar um 10 Prozent, meldet der türkische Verband der Automobilindustrie OSD (Otomobil Sanayicileri Dernegi).
Finanzierungsschwierigkeiten bremsen Inlandsmarkt aus
Händlerberichten zufolge ist das Kaufinteresse in der Türkei 2024 weiter hoch, allerdings fehlt es an Finanzierungsmöglichkeiten, weshalb die Verkäufe zurückgehen. Im Juni 2023 vollzog die türkische Regierung einen Kurswechsel hin zu einer restriktiven Geldpolitik, um die horrende Inflation zu bekämpfen. Die türkische Zentralbank hat seitdem den Leitzins von 8 auf 50 Prozent erhöht und weitere Maßnahmen getroffen, um die Kreditvergabe einzuschränken. In der Folge sind Kredite teurer und der Zugang zu Finanzierung schwieriger geworden. Die höheren Leitzinsen machen zudem auch andere Anlageinstrumente attraktiver als die 2023 hoch im Kurs stehenden Sachwerte wie Fahrzeuge. Diese Entwicklungen lassen für das Gesamtjahr 2024 einen Rückgang des Inlandsabsatzes bei Pkw und Nfz erwarten.
Die Unterhaltungskosten für Autos ziehen weiter an (Kraftstoff, Versicherung, Kfz-Steuer, Reparatur etc.). Zudem ist beim Neukauf von Kleinwagen die Steuerbelastung gestiegen. Trotz kräftiger Preiserhöhungen der Autohersteller hat die türkische Regierung die Preisspannen für die Bemessungsgrundlage zur Erhebung der Sonderverbrauchssteuersätze (ÖTV - Özel Tüketim Vergisi) für Pkw seit 2022 nicht angepasst. Dies führt dazu, dass Autos mit kleineren Verbrennungsmotoren nicht mehr von einer geringeren ÖTV profitieren.
Auch die Zulieferindustrie ist besorgt. Die Probleme der Automobilindustrie sowie eigene Finanzierungsprobleme der kleinen und mittleren Hersteller, insbesondere Produktionsrückgänge und Fertigungsstopps der Unternehmen, bereiten den Teileherstellern Schwierigkeiten. Fiat-Produzent Tofas setzte die Fertigung im Juli und August 2024 für fünf Wochen aus, Toyota pausierte die Produktion im Werk in Sakarya im August für drei Wochen.
Warengruppe | 2023 | 1.HJ 2024 | Veränderung (%) * |
---|---|---|---|
Reifen | 1.724,9 | 783,2 | -13,0 |
Sicherheitsglas | 263,1 | 137,7 | 5,7 |
Motoren | 253,6 | 153,6 | 21,0 |
Batterien | 482,7 | 262,4 | 15,3 |
Sonstige Teile und Komponenten | 11.361,5 | 5.873,8 | 2,1 |
Kfz-Teile insgesamt | 14.085,8 | 7.210,7 | 1,0 |
Interesse an Elektrofahrzeugen steigt
Die Nachfrage nach Elektro- und Hybridfahrzeugen nimmt zu. Es kommen viele neue Marken hinzu und das Angebot wird breiter. Die türkische Marke TOGG war mit 13.021 verkauften Pkw im 1. Halbjahr 2024 die beliebteste unter den Elektrofahrzeugen, gefolgt von BMW, Tesla, KG Mobility und Mercedes-Benz. Landesweit waren Ende Juni 2024 laut türkischer Statistikbehörde TÜIK 42.662 Elektroautos und 65.394 Hybridautos zugelassen.
Der Kauf von Hybridautos wird günstiger. Die Regierung hat die Sondersteuer ÖTV auf Hybridautos mit Ankündigung im Amtsblatt am 18.7.2024 reduziert. Diese beträgt nun abhängig von der Motorleistung und dem Kaufpreis zwischen 30 und 70 Prozent. Importierte Elektroautos aus China werden jedoch teurer. Seit dem 7. Juli 2024 erhebt die Türkei auf chinesische Elektroautos einen Importzoll von 40 Prozent.
Auch die Investitionen in E-Mobility nehmen zu. Die vor einem Jahr gegründete türkische Technikfirma Evry Electric Vehicles will 2025 mit der Serienproduktion des zweiten türkischen E-Autos beginnen. Evry will den Großteil seiner Fertigung in die Turkrepubliken exportieren. Der Finanzdienstleister IFC stellt dem Elektroautohersteller Karsan Automotive ein Darlehen in Höhe von 35 Millionen Euro für die Erhöhung der Produktion von leichten Elektro-Nutzfahrzeugen und Bussen zur Verfügung.
Chinesische Investitionen sind auf dem Weg
Der chinesische Elektrofahrzeughersteller BYD unterzeichnete im Juli 2024 mit dem türkischen Ministerium für Industrie und Wirtschaft eine Vereinbarung über den Bau eines Autowerks in Manisa. Die geplante Investitionssumme beläuft sich auf 1 Milliarde US-Dollar. Die Anlage soll eine Kapazität von 150.000 Elektroautos haben und Ende 2026 den Betrieb aufnehmen. Im Visier hat BYD vor allem die EU als Absatzmarkt.
Nach BYD haben Medienberichten zufolge auch Chery, Skywell und MG Verhandlungen über Investitionen in der Türkei aufgenommen. Im Gespräch sollen die Städte Mersin und Manisa als Standorte sein. Skywell hatte Ende 2023 angekündigt, rund 1,6 Milliarden US-Dollar in der Türkei investieren zu wollen, darunter ein Autowerk und eine Batterieproduktion.
Pkw-Modell | Stück |
---|---|
Fiat–Egea | 80.768 |
Renault–Clio | 58.581 |
Fiat–Egea Cross | 41.030 |
Renault Megane | 34.887 |
Toyota Corolla | 30.276 |
Dacia Duster | 24.065 |
Renault baut Produktion aus
Der SUV Dacia Duster ist seit Juni 2024 unter der Marke Renault Duster auf dem türkischen Markt und wird von Oyak Renault in Bursa gefertigt. Die neue Produktionslinie ist der erste Schritt einer geplanten 400 Millionen Euro Investition von Renault in der Türkei. Renaults Geschäftsbereich für Antriebsstränge, Horse, hat mit dem türkischen Autobauer Habaş einen mehrjährigen Liefervertrag für Dieselmotoren abgeschlossen. Medienberichten zufolge wird Horse die Motoren in seinem Werk in Bursa produzieren.
Hersteller | 2023 | 1.HJ 2024 | Marktanteil (%) 1 | Veränderung (%) 2 |
---|---|---|---|---|
Insgesamt | 967.341 | 462.955 | 100 | 8 |
Renault | 125.348 | 56.960 | 12 | -19 |
Fiat | 117.491 | 43.531 | 9 | -16 |
Chery | 40.590 | 34.501 | 7 | 254 |
Volkswagen | 71.093 | 30.680 | 7 | -2 |
Hyundai | 52.856 | 26.440 | 6 | 4 |
Peugeot | 58.549 | 25.900 | 6 | -16 |
Toyota | 45.469 | 24.385 | 5 | 32 |
Citroen | 45.395 | 23.378 | 5 | 6 |
Opel | 61.057 | 21.195 | 34 | -34 |