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Special | Chile | Start-ups

An Kapital fehlt es nicht – wichtiger ist die Geschäftsidee

Weltweit fließt weniger Risikokapital. Doch Chile bietet interessante staatliche Förderungen für Start-ups. Selbst wenn sie nur eine Idee und keine Rechtsform in Chile haben.

Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

Mit dem Anstieg der Zinsen in den USA und Europa und der wachsenden Unsicherheit sitzt das Geld für die Finanzierung von Start-ups nicht mehr so locker wie in den vorangegangenen Jahren. Seit Jahresbeginn 2023 meldet das Nachrichtenportal Crunchbase zweistellig sinkende Venture-Capital-Einnahmen für Start-ups.

Der Rückgang macht sich auch in Lateinamerika und der Karibik bemerkbar  einer Region, die ohnehin nicht zu den bevorzugten Zielen globaler Venture-Capital-Investoren zählt. Chilenischen Presseberichten zufolge sollen im 1. Quartal 2023 nur 2,2 Prozent des weltweiten Start-up-Fundings in die Region geflossen sein. Damit wäre der Anteil sogar noch unter die schon unterdurchschnittliche Marke von 3 Prozent des Jahres 2022 gefallen. Das Gros der Zuflüsse geht dabei traditionell nach Brasilien, gefolgt von Mexiko und Kolumbien

Tatsächlich berichtete die Wirtschaftszeitung Diario Financiero, dass die chilenischen Start-ups im 1. Halbjahr 2023 gerade 199 Millionen US-Dollar (US$) einsammeln konnten, nach 485 Millionen US$ im 1. Halbjahr 2022. Dafür benötigten sie 45 Runden gegenüber 27 im letzten Jahr. Nach Angaben des chilenischen Verbands für Risikokapital ACVC lagen die Risikokapitalinvestitionen in Chile 2022 bei etwas über 1 Milliarde US$. Der nicht vollständige Bericht von StartupBlink meldet für 2022 einen Wert von knapp 0,8 Milliarden US$ bei 107 Gründungen.

Zahl der Start-up-Gründungen und -Funding in Chile (in Millionen US-Dollar)

Jahr

2020

2021

2022

Zahl der Gründungen

93

135

107

Finanzvolumen

175,6

753,1

772,4

Quelle: Startup Ecosystem Report 2023 – StartupBlink 2023

Es braucht Anpassungsfähigkeit und das richtige Produkt

Trotzdem wird es auch unter diesen Bedingungen weiter Investoren geben. Wichtig sei, dass die Start-ups über anpassungsfähige Geschäftsmodelle verfügten, um die Durststrecke zu überstehen, sagt Camila Mohr, Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Innspiral. Das Jahr 2023 sieht sie als "Jahr der Kamele". Und 2024 dürfte es nicht anders werden.

Doch der Kapitalmarkt ist nicht alles. Denn bevor private Investoren zum Zuge kommen, tritt in Chile oft erst der Staat als Geldgeber auf. So sieht es auch Chris Thompson, Scout Manager beim Accelerator Magical in Santiago:

"An Kapital für Start-ups fehlt es in Chile nicht – was es braucht, ist eine Geschäftsidee, die hier funktioniert, und die richtige Herangehensweise."

Wichtigste Anlaufstelle für Jungunternehmen ist das Programm Start-Up Chile, das der staatlichen Entwicklungsagentur Corfo untersteht; auch darüber hinaus bietet Corfo ein vielfältiges Programm für Start-ups und unterstützt zahlreiche Inkubatoren und Acceleratoren im Land.

Corfo-Programme zur Unterstützung von Unternehmensgründungen
ProgrammInformationen

Start-Up Chile

 

Öffentlicher Inkubator/Accelerator zur Förderung innovativer Gründer und Unternehmen; drei Finanzierungslinien: "Build", "Ignite" und "Growth".

Im Rahmen von "Build" bietet Start-Up Chile eine Kofinanzierung von bis zu 90 Prozent des Gesamtbetrags, maximal 15 Mio. chilenische Pesos (chil$; rund 17.000 US$), für "Ignite" bis zu 50 Mio. chil$ (rund 57.000 US$) und für "Growth" bis zu 75 Mio. chil$ (86.000 US$).

Venture Capital Chile

 

Vorstellung am 23. August 2023. Ziel: Unterstützung der lokalen Wirtschaft mit Risikokapital und Anziehung ausländischer Investoren. Außerdem soll die Finanzierung über die chilenische Börse ausgebaut werden. Federführend ist Scalex.

Semilla Inicia und Semilla Expande


 

 

"Semilla Inicia" unterstützt Firmen mit Sitz in Chile und großem Wachstumspotenzial und stellt bis zu 75 Prozent an Kofinanzierung, aber maximal 15 Mio. chil$ (rund 17.000 US$) zur Verfügung.

"Semilla Expande" bietet innovativen Unternehmen mit Sitz in Chile und einem Erstumsatz von bis zu 60 Mio. chil$ im Vorjahr eine Kofinanzierung von 75 Prozent in zwei Stufen mit einer Obergrenze von 25 Mio. chil$ (circa 29.000 US$) für die erste Stufe und 20 Mio chil$ (23.000 US$) für die zweite.

Capital Semilla Sercotec


 

 

Der Fonds unterstützt kleine Firmen bei Gründung und Expansion. Er stellt Mittel in Höhe von bis zu 3,5 Mio. chil$ (rund 4.000 US$) zur Verfügung für Hilfen zur Unternehmensführung (technische Hilfe, Ausbildung und Marketingaktivitäten) sowie bis zu 3,3 Mio. chil$ (3.800 US$) für Investitionen.

Capital Abeja

 

Der Fonds richtet sich ausschließlich an Neugründungen von Unternehmerinnen. Er finanziert bis zu 3,5 Mio. chil$ (rund 4.000 US$) für Unternehmerinnen, die keine der oben genannten Mittel in Anspruch genommen haben.
Förderung neuer Technologien wie grüner Wasserstoff

Corfo fördert auch den Einsatz neuer Technologien. Hierzu zählt grüner Wasserstoff. Für Projekte in diesem Bereich steht laut chilenischem Wirtschaftsministerium ab 2024 ein Fördertopf von über 1 Mrd. US$ bereit - davon stammen allein 100 Mio. US$ von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Nach einer Umfrage der AHK Chile unter Energieunternehmen waren für 45 Prozent der 20 befragten Firmen öffentliche Fonds die wichtigste Fremdfinanzierungsquelle gefolgt von Risikokapitalfonds (30 Prozent). Erst dann folgten kooperative Risikokapitalfonds (20 Prozent) und Fonds privater Geldgeber (4,6 Prozent).

Quelle: Corfo 2023


 

Start-Up Chile unterstützt bereits Ideen ...

Start-Up Chile ist nicht auf chilenische Unternehmer beschränkt. Hintergrund ist der öffentliche Auftrag, zur Diversifizierung und Entwicklung der Wirtschaft beizutragen und hierfür unter anderem innovative Firmen ins Land zu holen. "Wir haben eine andere Herangehensweise als konventionelle Fonds“, erklärt Carmen Contreras Romero, CEO bei Start-Up Chile und zugleich Direktorin des Entrepreneurship Departments bei Corfo. Start-Up Chile unterstütze bereits Ideen, entscheidend sei das Wachstumspotenzial.

Mit dem Programm Build unterstützt der Inkubator chilenische und ausländische Firmen bereits in einem ganz frühen Stadium mit Zuschüssen. Auf Firmen, die maximal drei Jahre operativ tätig sind, richtet sich Ignite. Bedingung ist ein "Minimum Viable Product", also ein Produkt, das nur die Basisfunktionen abdeckt, um zu testen, wie es beim Kunden ankommt, wie es verbessert werden könnte und wieviel es kostet. Voraussetzung zur Teilnahme an Growth ist ein Vorjahresumsatz zwischen 100.000 und 1 Million US$.

Für alle drei Linien gilt, dass das ausländische Start-up keine Firma in Chile gegründet haben muss. Die Anträge können auch von natürlichen Personen gestellt werden - im Gegensatz zu anderen Start-up-Programmen von Corfo wie etwa Semilla Inicia und Semilla Expande.

"Start-Up Chile ist das gründerfreundlichste Programm in Lateinamerika", sagt Chris Thompson von Magical insbesondere dann, wenn sich das Start-up noch in einer ganz frühen Phase befindet oder man seine Geschäftsidee für Lateinamerika ausprobieren will. "Sie geben Gründern Geld, helfen bei Kontakten und bei der Beseitigung bürokratischer Hürden."

... und hilft bei der Bewältigung von Bürokratie

Das gilt speziell für die Visabeschaffung und bei der Registrierung der Identifikationsnummer RUT ("Rol Único Tributario"): Unternehmer können nicht nur schnell in der Regel nach zwei statt der üblichen sechs Monate - ein zweijähriges Start-up-Visum bekommen. Die RUT ist in Chile für viele Dinge unabdingbar, darunter für die Eröffnung eines Bankkontos.

Außerdem bietet Start-up-Chile Unterstützung beim Aufbau von Netzwerken, bei der Kontaktaufnahme mit potenziellen Investoren, Mentoren und Kunden. In einem relativ kleinen Land wie Chile kennen sich häufig die wichtigen Personen in einer Branche, nicht zuletzt, weil viele die gleichen Schulen oder Universitäten besucht haben. "Wenn man hier nicht 'drin' ist, dann ist es hart", sagt Javiera Araneda von Start-Up Chile.

Venture-Fonds und Business Angels für spätere Wachstumsphasen

Ferner gibt es mehrere private Stiftungen und andere Wagniskapitalfonds, die Start-ups finanziell unterstützen. Hierzu gehören etwa die öffentlich-private Fundación Chile oder der Daedalus-Fonds von Cristobal Piñera (Sohn des Ex-Präsidenten und Milliardärs Sebastian Piñera), Juan Turner sowie Daniel Undurraga, einem der Mitbegründer von Cornershop. Daedalus beteiligte sich unter andem an Hackmetrix. Hackmetrix hackt Firmen in deren Auftrag und hilft ihnen, Sicherheitslücken zu beseitigen. Ein Überblick zu Wagniskapitalfonds findet sich auf der Webseite des Verbands für Wagniskapital ACVC.

Business Angels gibt es in Chile nur wenige, und sie sind nach Aussage eines Branchenvertreters in der Regel weniger risikofreudig als Business Angels in den USA oder Europa. Viele beteiligen sich erst in späteren Wachstumsstadien. Populärer sind Crowdfunding-Plattformen. Die wichtigste ist Broota. Ferner soll die Finanzierung über die chilenische Börse ausgebaut werden. Federführend ist Scalex.

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