Wirtschaftsumfeld | Myanmar | Konjunktur
Bürgerkrieg trennt Myanmar vom regionalen Wachstumskurs
Das Regime beschränkt den Außenhandel. Die verbliebenen ausländischen Firmen arrangieren sich mit den widrigen Umständen. Chinas Einfluss steigt weiter.
31.01.2025
Von Frank Malerius | Bangkok
Für ausländische Unternehmen haben sich die Geschäftsaussichten in Myanmar deutlich verschlechtert, seit das Militär Anfang 2021 gegen die im November 2020 gewählte Regierung putschte. Prognosen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) sehen das reale Wirtschaftswachstum im Fiskaljahr 2024/25 (1. April bis 31. März) zwischen -1,0 und 1,1 Prozent. Bis 2029 erwartet der IWF einen Anstieg auf 1,8 Prozent. Myanmar ist damit Schlusslicht unter den zehn Ökonomien der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN). Deren durchschnittliches Wirtschaftswachstum bewegte sich in den vergangenen Jahren um 5,0 Prozent. Vor dem Militärputsch hatte Myanmar zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaft der ASEAN gehört.
Wichtigster Grund für die Misere ist der weiterhin andauernde Bürgerkrieg zwischen mehreren regionalen Guerillagruppen und der Militärregierung. Diese hat die Kontrolle über erhebliche Gebiete verloren, vor allem in der für den Handel mit China wichtigen Grenzregion im Norden des Landes. Eine Beilegung der Konflikte ist trotz der Vermittlungsbemühungen der ASEAN-Staaten und Chinas nicht in Sicht. Wie die vom Militär für 2025 angekündigte Parlamentswahl unter diesen Bedingungen durchgeführt werden kann, ist unklar.
Mehrere Millionen Menschen haben das Land verlassen, zumeist in Richtung Thailand. Das Nachbarland braucht günstige Arbeitskräfte. Rücküberweisungen aus dem Ausland sind in der Krise ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Myanmar. Gleichzeitig bringen Wohlhabende ihr Vermögen in Thailand in Sicherheit. Der Immobilienerwerb durch myanmarische Staatsangehörige dort boomt. Sie sind die zweitwichtigste Käufergruppe nach Chinesen.
Außenhandel unterliegt strikter staatlicher Kontrolle
Der vom Militär eingesetzte Regierungsrat (State Administrative Council, SAC) schafft marktwirtschaftliche Mechanismen ab. Exporteure müssen die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Waren im Ausland zu einem festgesetzten Wechselkurs umtauschen, der sich deutlich von der Marktrate unterscheidet. Einer Studie des singapurischen Think Tanks ISEAS zufolge bleibe vielen Unternehmen deshalb nichts anderes übrig, als die Ausfuhr einzustellen. Um die Handelsbilanz in Balance zu halten, kontrolliert das SAC die Einfuhren über eine strikte Vergabe von Importlizenzen. Laut ISEAS betreffe das 79 Prozent aller HS-Zolltarife.
Die neuen Herrscher haben außerdem die Gelddruckerpresse angeworfen und treiben damit die Inflation auf 25 bis 30 Prozent. Grundnahrungsmittel unterliegen deswegen offiziellen Preisbeschränkungen. In weiten Teilen des Landes gibt es allerdings Versorgungsengpässe, besonders bei Lebensmitteln. Auch Benzin und Strom sind knapp.
Myanmars installierte Stromerzeugungskapazität von 7 Gigawatt für seine 50 Millionen Einwohner hat sich effektiv auf 2,2 Gigawatt verringert (Vergleich Thailand: 50 Gigawatt für 70 Millionen Menschen). Zum Einen sind zu wenig Öl und Gas verfügbar. Zum Anderen sind Übertragungsleitungen zerstört und nach einem Taifun müssen Wartungsarbeiten an Wasserkraftanlagen durchgeführt werden. Nur unzählige Dieselgeneratoren können das öffentliche Leben aufrecht erhalten.
Stimmung unter verbliebenen Unternehmen etwas heller
Trotz der vielfältigen Probleme gibt es in Myanmar auch Normalität. Die Europäische Handelskammer in Yangon führt halbjährlich Mitgliedsumfragen durch. Während der vergangenen vier Jahren fand meist mehr als die Hälfte der Unternehmen, ihre Situation habe sich gegenüber der letzten Umfrage nicht verschlechtert. In der wichtigen Bekleidungsindustrie sagten bei der jüngsten Umfrage im Oktober 2024 immerhin 64 Prozent der befragten Firmen, ihre Lage sei stabil. Nur 14 Prozent der Branchenvertreter erwarteten für die darauffolgenden sechs Monate eine Verschlechterung. Und 96 Prozent aller befragten Unternehmen gaben an, ihr Engagement im Land fortzusetzen. Ihr größtes Problem seien die Wechselkurse. Die EuroCham Myanmar zählt 168 Unternehmen, Botschaften und Organisationen als Mitglieder. Fast ein Viertel der Mitglieder stammt aus Deutschland.
Deutschland importiert vor allem Bekleidung
Der noch junge, exportgetriebene Bekleidungssektor ist im Vergleich zu anderen Branchen weniger von den politischen Unruhen betroffen. Der Verband Myanmar Garment Manufacturers Association (MGMA) zählt unter seinen Mitgliedern 553 aktive Fabriken, wovon 60 Prozent chinesischen Firmen gehören. Lediglich 51 Produktionsstätten seien temporär geschlossen. Das sind mehr aktive Unternehmen als vor dem Militärputsch. Etwa 500.000 Menschen sollen in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sein.
Deutschland war der MGMA zufolge zwischen 2016 und 2019 mit einem Exportanteil von 22 Prozent der zweitwichtigste Abnehmer der im Land gefertigten Bekleidung. Mehr als 90 Prozent der deutschen Einfuhren aus Myanmar sind Bekleidung und Schuhe. Das schlägt sich auch in der Handelsbilanz mit Myanmar nieder: Deutschland hat einen Importüberschuss in Höhe von mehr als 1 Milliarde US-Dollar.
Aufgrund des Generalised Scheme of Preferences (GSP) können fast alle Waren mit Ursprung in Myanmar zollfrei in die EU eigeführt werden. Das verschafft ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Waren aus anderen Bezugsländern.
China ist wichtigster Handelspartner
Der mit Abstand wichtigste Handelspartner des südostasiatischen Landes ist China. Dorthin werden vor allem Seltene Erden, Jade und andere Rohstoffe geliefert. Über eine Pipeline bezieht der große Nachbar zudem Gas aus der Andamanensee.
Die Volksrepublik hat großes Interesse an der Stabilität Myanmars und dürfte sich nach den Kräften im Land richten, die langfristig ein geordnetes Wirtschaftsleben versprechen. China soll lokale Waffenstillstände zwischen Guerillagruppen und dem Militär verhandelt haben. Angesichts der Sanktionen durch die EU dürfte China seine ohnehin starke Position im Land noch weiter festigen, sollte das Militär die wichtigste Macht in Myanmar bleiben.