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Branchenstruktur
Neben drei großen Autobauern sind rund 900 Zulieferer in Tschechien tätig. Sie sind eng mit dem EU-Markt verbunden und haben derzeit nur wenig Spielraum für neue Investitionen.
01.04.2025
Von Gerit Schulze | Prag
Die Fahrzeugindustrie ist Tschechiens wichtigste Wirtschaftsbranche. Laut Automobilverband AutoSAP entfallen 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und ein Viertel aller Exporte auf den Automobilsektor. Mit Škoda Auto (Volkswagen), Hyundai und Toyota produzieren drei Weltkonzerne Pkw in Tschechien. Außerdem haben sich wichtige Original Equipment Manufacturers (OEM) wie Bosch, Continental oder Brose sowie leistungsfähige Zulieferer angesiedelt. Darüber hinaus gibt es namhafte Produzenten von Lkw, Bussen und Motorrädern.
Erstmals seit vier Jahren ist der Produktionsindex der Branche (NACE-Code 29) 2024 kalenderbereinigt gesunken. Das Statistikamt ermittelte bis November 2024 einen Rückgang um 1,5 Prozent. Auch der Wert der Neuaufträge legte mit knapp 6 Prozent so langsam zu wie seit 2020 nicht mehr. Auf dem Heimatmarkt wächst das Ordervolumen nur halb so stark wie bei ausländischen Kunden.
Europa ist der wichtigste Absatzmarkt
Ungeachtet der schwachen Marktentwicklung in Europa erreichte Tschechiens Autoproduktion 2024 den Rekordwert von 1,45 Millionen Pkw. Das erstaunte, da die EU der wichtigste Absatzmarkt ist und dort die Neuzulassungen kaum gewachsen sind.
Über 70 Prozent der Pkw-Exporte gingen 2023 in die EU. Weitere 15 Prozent verkauften die drei Hersteller im Vereinigten Königreich, in der Schweiz und in Norwegen. Märkte in Übersee spielen bislang nur eine Nebenrolle. Insofern kann Tschechien relativ entspannt auf die Entwicklungen in China und den USA blicken. Allerdings sind die Zuwachsraten in Asien (von einem niedrigen Niveau ausgehend) besonders hoch. Der Absatz in Vietnam zum Beispiel hatte sich 2023 gegenüber dem Vorjahr verzwanzigfacht (auf 6 Millionen Euro). In Indien stieg der Wert der tschechischen Pkw-Verkäufe um fast 850 Prozent.
Auch Škoda muss Stellen abbauen
Škoda Auto ist der führende Fahrzeughersteller im Land. Nach Angaben von AutoSAP produzierte die Volkswagen-Tochter 2024 in Tschechien knapp 900.000 Fahrzeuge. Neben Pkw liefen am Stammsitz Mladá Boleslav auch 500.000 Motoren sowie 355.000 manuelle Getriebe vom Band. Außerdem werden dort Batterien für Elektrofahrzeuge des Konzerns montiert. Am Standort Vrchlaby produzierte Škoda Auto über 700.000 Automatikgetriebe. Das gute Jahr 2024 täuscht nicht darüber hinweg, dass auch der größte Autohersteller im Land Überkapazitäten hat. Bis 2028 sollen dort laut Medienberichten 1.200 Stellen abgebaut werden.
Nach zwei Jahren Wachstum in Folge ging die Produktion bei Hyundai in Nošovice leicht zurück. Das Werk hatte früh den Technologiewandel zu Batterieautos und Plug-in-Hybriden in Angriff genommen. Bis 2030 soll sich der Anteil der dort produzierten Elektroautos auf 70 Prozent erhöhen. Doch die schwache Nachfrage in Europa sorgte 2024 für negative Zahlen.
Bei Toyota im Werk Kolín stiegen die Produktionszahlen auf den höchsten Stand seit der Coronapandemie. Die Lieferprobleme bei Subunternehmen scheinen vorerst überwunden zu sein.
Pkw-Hersteller | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | Veränderung 2024/2023 |
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Škoda Auto | 680.287 | 693.032 | 864.889 | 896.933 | 3,7 |
Hyundai Motor Manufacturing Czech | 275.000 | 322.500 | 340.500 | 330.890 | -2,8 |
Toyota Motor Manufacturing Czech Republic | 149.936 | 202.255 | 192.427 | 225.058 | 17,0 |
Summe | 1.105.223 | 1.217.787 | 1.397.816 | 1.452.881 | 3,9 |
Tatra steigert Lkw-Produktion
Weiter in der Erfolgsspur fährt der letzte verbliebene Lastwagenhersteller Tschechiens, Tatra Trucks. Das Unternehmen steigerte seine Produktion 2024 um 90 Fahrzeuge auf 1.522 Lkw und profitierte vor allem von der gestiegenen Inlandsnachfrage. Die Exporte dagegen sanken um mehr als ein Fünftel auf unter 1.000 Einheiten. Tatra-Geschäftsführer Kristijan Fiket kündigte Ende 2024 an, die Produktion perspektivisch verdoppeln zu wollen. Die Fabrik profitiere von steigender Nachfrage nach Spezialfahrzeugen für Armee und Feuerwehr, die eine höhere Marge versprechen. Tatra Trucks gehört mehrheitlich zum tschechischen Rüstungskonzern CSG. Das Unternehmen investierte 2024 rund 30 Millionen Euro, um die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Es entwickelt außerdem alternative Antriebe, zum Beispiel mit Brennstoffzelle, sowie Fahrzeuge für ferngesteuertes oder autonomes Fahren.
Einbruch bei Bus-Exporten
Die tschechische Produktion von Bussen ist 2024 auf ein Achtjahrestief auf unter 4.500 Einheiten gesunken. Dazu trug der sinkende Export bei. Bei Iveco im ostböhmischen Vysoké Mýto ging die Produktion um über 700 Busse zurück. Bei SOR aus Libchavy sank der Ausstoß um 15 Prozent auf 416 Busse.
Branche stützt sich auf 900 Zulieferer
Die tschechische Kfz-Zulieferindustrie produziert jährlich Teile und Komponenten im Wert von rund 25 Milliarden Euro (Angaben für 2023, NACE-Gruppen 29.31 und 29.32). Hinzu kommen laut Statistikamt Karosserien und Aufbauten für über 400 Millionen Euro. Nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel liefern rund 900 Unternehmen der Automobilindustrie zu.
Der Großteil der Umsätze in der tschechischen Kfz-Industrie entsteht in Unternehmen unter ausländischer Kontrolle. Dutzende der weltweit wichtigsten TIER-1-Unternehmen und Hunderte von Zulieferfirmen fertigen im Land. Die umsatzstärksten sind Continental, Bosch, Mobis und Faurecia. Aktuell zeichnet sich eine Abkühlung in Tschechiens Vorzeigebranche ab. Der Chef des Branchenverbands AutoSAP, Zdeněk Petzl, erklärte, dass die drei großen deutschen Automobilkonzerne derzeit nur schwach ausgelastet sind und sich das direkt auf die tschechischen Zulieferer auswirke. Erste Werke wurden geschlossen, viele Fabriken wollen Personal entlassen.
Hoher Bedarf an Komponenten
Das Rekordjahr 2024 bei der Fahrzeugproduktion führte auch zu wachsendem Bedarf an Kfz-Teilen. Im Zeitraum Januar bis September 2024 legten die Importe laut Eurostat gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 5 Prozent auf 13,9 Milliarden Euro zu. Deutschland blieb mit einem Anteil von 35 Prozent des Lieferwertes das mit Abstand wichtigste Herkunftsland, verlor aber Marktanteile. Dahinter folgten Polen, die Slowakei und Südkorea.
2023 | 1. bis 3. Quartal 2024 | Veränderung 1. bis 3. Quartal 2024 / 1. bis 3. Quartal 2023 | aus Deutschland (1. bis 3. Quartal 2024) | |
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SITC 778.3 Kfz-Elektrik | 1.430 | 1.090 | 1,5 | 176 |
SITC 784 Karosserien, Stoßstangen etc. | 12.096 | 9.300 | 3,5 | 3.291 |
SITC 773.13 Zündkabelsätze | 1.902 | 1.545 | 9,4 | 321 |
SITC 713.2 Motoren | 2.418 | 1.951 | 9,6 | 1.016 |
Summe | 17.846 | 13.886 | 4,8 | 4.804 |
Nur wenig Neuinvestitionen
Anders als in der Vergangenheit gibt es kaum Direktinvestitionen in neue Zulieferbetriebe. Die Unternehmen optimieren allerdings ihre Produktionsanlagen und versuchen vor allem, die Energiekosten zu senken.
Unternehmen | Investitionssumme *) | Projektstand | Anmerkungen |
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BMW Group | 135 | Projektierungsphase; Fertigstellung der Halle für 2026 geplant | Logistikzentrum für Kfz-Produktionskomponenten und Eisenbahnterminal im Gewerbegebiet Ostrava-Mošnov |
CTi Cable | 4,8 | Vorbereitungsphase; Vorhaben wurde Anfang 2025 bekannt gegeben | Neues Werk zur Teile-Produktion für Kfz-Industrie, autonome Fahrzeuge, künstliche Intelligenz, Flugzeugbau, Industrieautomatisierung und Medizintechnik in Klecany |
Tatra Trucks | mehrere Millionen Euro | geplante Investitionssumme für 2025 | Investitionen in Gebäude und Technologien, um steigende Nachfrage nach Feuerwehr- und Militärfahrzeugen zu bedienen |
Universität VŠB-TUO | 4 | Bau im Januar 2025 begonnen; Fertigstellung für Sommer 2026 geplant; Förderung aus dem Programm für gerechten Übergang | Forschungs- und Testzentrum für autonome Fahrzeuge und mobile Roboter, für Elektromobilität, künstliche Intelligenz und Automatisierung auf dem Campus der Universität Ostrava |
Hyundai | mehrere Millionen Euro | Frühphase; Baubeginn für Ende 2026 geplant | Umbau des Werkes Nošovice, um auf Produktion von Elektroautos zu wechseln |