Branche kompakt | Ukraine | Kfz-Industrie
Förderung und Gesetzgebung entscheidend für die Entwicklung
Verkaufszahlen stabilisieren sich auf hohem Niveau. Drohende Steuererhöhung und Einführung der Euro-6-Norm dämpfen die weiteren Aussichten.
02.04.2025
Von Waldemar Lichter | Warschau
Ausblick der Kfz-Branche in der Ukraine
Bewertung:
- Vorgezogene Käufe vor der Einführung neuer Standards sorgen für einen Nachfragerückgang bei Pkw.
- Gebrauchtwagenimporte aus der EU dominieren weiterhin Pkw-Neuzulassungen.
- Aufstockung staatlicher Förderprogramme steigert Nachfrage nach Bussen.
- Anpassung an Bedarfe der Armee und des Wiederaufbausektors steigert Verkäufe von Nutzfahrzeugen.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: März 2025
Markttrends
Der Aufwärtstrend auf dem ukrainischen Automarkt hält an. Nach Angaben der Branchenvereinigung UkrAvtoProm wurden 2024 insgesamt 69.600 neue Pkw zugelassen – rund 14 Prozent mehr als 2023. Gegenüber dem ersten Kriegsjahr 2022 (37.900 Pkw) belief sich das Plus sogar auf 84 Prozent. Analysten der Kyjiwer Agentur AUTO-Consulting geben die Verkaufszahlen für 2024 sogar mit 71.300 Pkw an, gegenüber 70.000 im Jahr davor.
Marktführer bezogen auf die Absatzzahlen blieb 2024 wie auch im Vorjahr Toyota mit einem Anteil von 16 Prozent an den verkauften Stückzahlen. Gefolgt von Renault mit zehn Prozent sowie Volkswagen, Skoda und BMW mit jeweils etwa sieben Prozent. Durch den höherpreisigen Modellmix können deutsche Hersteller gemessen am Umsatz wesentlich bessere Positionen einnehmen. Laut UkrAvtoProm erreichte im Jahr 2024 der Verkaufswert aller Autohäuser 2,9 Milliarden Euro (2023: 2,65 Milliarden Euro). Mit 420 Millionen Euro trugen Toyota-Modelle am meisten dazu bei. Danach folgten BMW (367 Millionen Euro), Mercedes-Benz (223 Millionen Euro) und Volkswagen (211 Millionen Euro). Renault lag mit 147 Millionen Euro erst auf Platz 5.
Die am häufigsten gekauften Modelle waren nach Antriebsart:
- Benziner: Mazda CX-5,
- Diesel: Renault Duster,
- Hybrid: Toyota RAV-4,
- Batterieelektrisch: Volkswagen ID.4,
- Flüssiggas: Hyundai Tucson.
Die Neuzulassungen importierter Gebrauchtwagen übertreffen die Neuwagenverkäufe um mehr als das Dreifache. Sie stiegen 2024 im Jahresvergleich laut UkrAvtoProm um vier Prozent auf 220.100 Pkw. Die im Durchschnitt neun Jahre alten Autos wurden zu 47 Prozent mit Benzin, zu 25 Prozent mit Diesel und zu 18 Prozent batteriegespeist angetrieben.
Neue Steuern und Euro 6 Norm könnten den Markt ausbremsen
Die Aussichten für neue Pkw bleiben 2025 ungewiss. Der Markt dürfte auf dem Niveau des Vorjahres verbleiben. Mit stabilem und hohem Wachstum kann aber erst nach dem Ende des Krieges gerechnet werden. Immerhin wurde die geplante Militärsteuer von 15 Prozent auf die Erstzulassung neuer Fahrzeuge, die den Markt bremsen würde, nicht umgesetzt. Die Diskussion darüber hatte im Laufe 2024 zu einem kurzfristigen Anstieg der Neuwagenverkäufe geführt.
Zu vorgezogenen Käufen führte 2024 ebenfalls die geplante Einführung der Euro 6 Norm. Ab dem 1. Januar 2025 müssen alle in der Ukraine erstmals zugelassenen Neu-Pkw dieser Abgasnorm entsprechen. Für Nutzfahrzeuge wird die gleiche Norm ab dem 1. Januar 2027 gelten. Bis dahin müssen sie mindestens Euro 5 erfüllen. Für importierte und erstmals in der Ukraine zugelassenen Gebrauchtwagen gilt bis auf weiteres als Grundvoraussetzung Euro 2.
Die Erstzulassungen neuer und gebrauchter Elektroautos nahmen 2024 um 38 Prozent auf 51.700 zu. Besonders von dem Trend profitieren können die chinesischen Marken BYD und Zeekr, die dreistellige Prozentzuwächse verzeichnen – allerdings von einer niedrigen Ausgangsbasis aus. Das Marktsegment profitiert von bestehenden Steuer- und Zollvergünstigungen. Elektroautos sind seit 2018 von der Mehrwertsteuer und Einfuhrzöllen befreit. Diese Regelung wurde mehrfach verlängert – zuletzt bis Ende 2025. Ab 2026 sollen nach derzeitigem Stand wieder Zölle und Mehrwertsteuer eingeführt werden, was die Nachfrage dämpfen dürfte.
Busnachfrage gibt nach
Von staatlichen Stellen abhängig ist auch der ukrainische Busmarkt – beispielsweise vom Programm zur Beschaffung von Schulbussen. Die anhaltenden Risiken durch den Krieg und regulatorische Unsicherheiten führten zu einem Rückgang der Erstzulassungen 2024 im Jahresvergleich um nahezu ein Fünftel. Von den 2.241 neu registrierten Bussen und Minibussen waren 1.296 Neufahrzeuge (–24 Prozent) und 945 (–12 Prozent) Gebrauchte. Am gefragtesten waren Busse von Ataman, Etalon (beide Ukraine), Ford und ZAZ (Ukraine). Experten stellen eine zunehmende Nachfrage nach elektrischen und hybriden Bussen fest. Mittel- bis langfristig prognostizieren sie ein moderates Wachstum, insbesondere durch den Ausbau nachhaltiger Transportlösungen und die Modernisierung der Infrastruktur.
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Das ukrainische Statistikamt gibt den Umsatz der inländischen Hersteller der Automobilbranche für 2023 mit umgerechnet 1,3 Milliarden Euro an (plus 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr). In den ersten neun Monaten 2024 sanken die gesamten Umsätze des Zweiges um 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Rückgang war ausschließlich auf das hohe Minus bei der Teile- und Zubehörproduktion von 17 Prozent zurückzuführen.
Die Pkw-Produktion ist in der Ukraine bis dato eine Randerscheinung. Das einzige entsprechende Werk der Firma Eurocar im westukrainischen Solomonovo hat 2024 weniger als 1.479 Modelle der Marke Škoda in der Semi-Knocked-Down-Methode (SKD) montiert. Etwas anders ist die Lage dagegen bei Nutzfahrzeugen und Bussen. Der große Bedarf der Verteidigungskräfte und staatliche Beschaffungsaufträge lassen die Fertigung in ukrainischen Werken steigen. Einige Hersteller entwickeln neue Fahrzeuge oder passen bestehende Modelle an Bedarfe der Streitkräfte oder von mit dem Wiederaufbau der Infrastruktur befasste Unternehmen an.
Neue Investition in Tscherkassy
Ein bedeutendes neues Projekt ist die geplante Montage von Isuzu Pick-ups (Modell Isuzu D-Max) im Buswerk Tscherkassy in der Zentralukraine. Das Werk gehört zur Ataman-Gruppe, die Erfahrung in der Produktion von Bussen und Lastkraftwagen auf Basis von Isuzu-Komponenten hat. Die Fahrzeuge sind vor allem für ukrainische Sicherheitskräfte bestimmt. Nach dem anfänglichen SKD-Verfahren ist langfristig ein Übergang zur Complete-Knocked-Down-Montage (CKD) vorgesehen, um einen höheren Lokalisierungsgrad und mehr lokale Wertschöpfung zu ermöglichen.
Die ukrainischen Bushersteller profitieren vom staatlichen Schulbusprogramm. In dessen Rahmen werden Käufe neuer Busse durch die Gemeinden von der Regierung bezuschusst. Für 2025 ist die Beschaffung von 460 Schulbussen vorgesehen. Nutznießer des Programms sind vor allem die Buswerke Tscherkassy, das Automobilwerk Tschernihiw (Etalon Corporation) und das Autowerk Saporischschja (ZAZ). Das Budget des Programms wurde für 2025 auf umgerechnet rund 36 Millionen Euro aufgestockt – von 22,8 Millionen Euro im Jahr davor.