Branche kompakt | Algerien | Pharmaindustrie, Biotechnologie
Algerien baut lokale Pharmaproduktion aus
Algerische Firmen produzieren immer mehr Generika. Internationale Pharmakonzerne, darunter auch aus Deutschland, suchen Partnerschaften vor Ort.
03.04.2025
Von Verena Matschoß | Tunis
Ausblick der Pharmaindustrie in Algerien
Bewertung:
- Der Staat will Importe von Medikamenten weiter senken und die heimische Industrie ausbauen.
- Lokal hergestellte Generika decken bereits einen großen Teil des Pharmamarktes ab.
- Deutschland ist zweitwichtigstes Lieferland von Medikamenten, Importgeschäfte bleiben kompliziert.
Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: April 2025
Markttrends
Bei der Diversifizierung der Wirtschaft setzt Algerien auf eine lokale Produktion von Arzneimitteln. Die Bedeutung der Branche zeigt die Wiedereinführung eines eigenen Ministeriums für die Pharmaindustrie. Zuvor war es Teil des Industrieministeriums. Mit dem Amtsantritt des neuen Pharmaministers, Wassim Kouidri, nahm das Amt im Februar 2025 seine Arbeit auf.
Wichtiger Produktionsstandort in Afrika
Insgesamt 213 Produktionsstätten für Arzneimittel decken laut Ministerium 75 Prozent des lokalen Bedarfs ab. Algerien ist inzwischen einer der wichtigsten Pharmaproduzenten in Afrika. Der Großteil entfällt dabei auf Generika. Bei pharmazeutischen Rohstoffen oder schwieriger herzustellenden, innovativen Medikamenten bleibt Algerien aber auf Importe angewiesen.
Ein Faktor, der die Entwicklung des Pharmamarktes in Algerien antreibt, ist die wachsende Bevölkerung und die für Arbeitnehmer verpflichtende staatliche Krankenversicherung über die Caisse Nationale des Assurances Sociales (CNAS). Sie deckt 80 Prozent des Preises eines verschriebenen Medikaments ab. In bestimmten Fällen, wie beispielsweise bei chronisch Erkrankten, auch darüber hinaus. Schätzungsweise 90 Prozent der algerischen Bevölkerung sind krankenversichert. Die Häufigkeit von chronischen Erkrankungen nimmt in Algerien zu. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind für die Mehrzahl der Todesfälle im Land verantwortlich, aber auch Lungenerkrankungen und Diabetes sind weit verbreitet.
Neue Projekte zur Insulinproduktion
Ein wichtiger Meilenstein sind daher die neuen Projekte zur Insulinproduktion. Ein Werk für Insulin-Pens hat Anfang 2023 in Boufarik die Produktion aufgenommen. Hier produziert der dänische Hersteller Novo Nordisk gemeinsam mit dem algerischen Pharmakonzern Saidal. Im April 2024 konnte das Unternehmen bereits erste Produkte nach Saudi-Arabien exportieren. In einer weiteren Anlage in Tizi-Ouzou stellt Novo Nordisk bereits jährlich 20 Millionen Einheiten Trockeninsulin her. Ebenfalls im Jahr 2023 hat die algerische Firma Biocare Biotech die Herstellung von Insulin unter dem Handelsnamen Glarus aufgenommen.
Akteur/Projekt | Projektstand | Anmerkungen |
---|---|---|
Herstellung von Rohstoffen für Krebsbehandlungen in Sétif (Saidal) | in Planung, Umsetzung 12-18 Monate | Internationale Zertifizierung angestrebt; Exporte nach Europa und in die USA sollen möglich sein |
Herstellung von Rohstoffen für Paracetamol in Batna (Saidal) | im Bau | Kapazität: 2.000 Tonnen pro Jahr |
Antibiotikaproduktion (Saidal in Zusammenarbeit mit indischem Unternehmen Octavius Pharma) | Absichtserklärung im Februar 2024 unterzeichnet, Produktion ab Juni 2025 geplant | Werk seit 15 Jahren stillgelegt; geplante Kapazität: 750 Tonnen pro Jahr |
Herstellung von Hormonpräparaten in Constantine (LDM in Partnerschaft mit Merck) | Grundsteinlegung Dezember 2024 | Medikamente zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen, unter anderem Levothyrox, Gesamtkapazität: 40 Millionen Packungen pro Jahr |
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Die meisten Produktionsstätten für pharmazeutische Produkte befinden sich im Großraum Algier, gefolgt vom Gebiet Oran. Die Saidal Gruppe, die sich zu 80 Prozent in staatlichem Besitz befindet, ist der größte algerische Generika-Produzent. Saidal ist damit einer der größten Pharmaproduzenten in Afrika und hat zahlreiche Partnerschaften mit multinationalen Playern. Für das Jahr 2025 strebt das Unternehmen einen Umsatz von umgerechnet 240 Millionen Euro an, was einer Steigerung um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspräche. Derzeit entwickelt Saidal eigenen Angaben zufolge 135 neue Generika, wovon 35 bereits die Vorversuche durchlaufen haben. Wichtige private Pharmafirmen sind Biopharm, Hydrapharm-Beker, Inpha-Médis, LDM oder Pharmalliance.
Viele Partnerschaften mit ausländischen Unternehmen
Der Aufbau einer algerischen Pharmaindustrie nahm ab Mitte der 90er Jahre ihren Anfang. Multinationale Unternehmen, die in Algerien Arzneimittel vermarkten wollten, wurden verpflichtet, in Partnerschaft mit nationalen Unternehmen zu produzieren. Der Pharmasektor wird als strategisch angesehen und so gilt hier auch weiterhin die 51-49-Regel, wonach in Joint Ventures der algerische Partner eine Mehrheitsbeteiligung aufweisen muss. Es gibt aber Ausnahmen für lebenswichtige und innovative Medikamente mit einer hohen Wertschöpfung, die für den lokalen Markt und den Export bestimmt sind. Wichtige ausländische Unternehmen auf dem algerischen Pharmamarkt sind Sanofi (Frankreich), Novo Nordisk (Dänemark) und El Kendi (Jordanien). Zahlreiche Projekte zur Arzneimittelproduktion führen algerische Firmen mit internationalen Unternehmen durch.
Der Krankenhaussektor ist der größte Vertriebskanal für Medikamente, gefolgt von den Apotheken. Zentrale Einkaufsstelle von Medikamenten für den Krankenhaussektor ist die Pharmacie Centrale des Hôpitaux (PCH). Laut dem Gesundheitsministerium entfallen rund 45 Prozent deren Budgets auf die Krebsbekämpfung.
Unternehmen, die im Bereich des Pharmasektors tätig werden, sei es als Fabrikant, als Betriebsstätte, im Großhandel oder im Im- und Export, sind an die Regelungen des Exekutivdekrets Nr. 21-82 vom 23. Februar 2021 über pharmazeutische Einrichtungen und die Bedingungen für ihre Zulassung gebunden. Die Preise für Arzneimittel werden von einem Wirtschaftsausschuss für Medikamente festgesetzt. Kriterien sind der Lokalisierungsgrad, die Preise vergleichbarer Medikamente auf nationaler oder internationaler Ebene und die geplante Verkaufsmenge in Algerien.
Neue Projekte mit ausländischen Unternehmen gibt es einige. Der chinesische Konzern CNNC und das Kommissariat für Atomenergie (CEA) bereiten ein Projekt für Radiopharmazeutika in Birine vor, um die Krebsbehandlung in Algerien zu verbessern. Ziel ist die lokale Produktion von Isotopen, die in der medizinischen Bildgebung und Strahlentherapie verwendet werden.
Auch mit deutschen Unternehmen sind Vorhaben geplant. So unterzeichnete Boehringer Ingelheim im Februar 2025 eine Partnerschaft mit Saidal. Die beiden Unternehmen wollen Medikamente gegen seltene Krankheiten herstellen, wobei eine Ausweitung auf andere Behandlungen geplant ist. Das Unternehmen Merck und die algerische Gruppe LDM haben im Juni 2024 in Algier eine Absichtserklärung zur Herstellung von Levothyroxin unterzeichnet. Durch das Projekt soll die Selbstversorgung bei der Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen gestärkt werden. Der Produktionsstart im Werk in Constantine ist für das Jahr 2026 vorgesehen.
Deutschland ist zweitwichtigster Lieferant
Deutschland ist laut Spiegelstatistiken von ITC Trade Map für Algerien zweitwichtigstes Lieferland von pharmazeutischen Produkten. Wichtigstes Lieferland ist traditionell Frankreich. Laut Statistischem Bundesamt exportierten deutsche Unternehmen im Jahr 2024 pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 204 Millionen Euro nach Algerien, darunter Arzneiwaren im Wert von 120 Millionen Euro.