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Aserbaidschans Ausbau erneuerbarer Energien nimmt Tempo auf
Aserbaidschan springt bei der Nutzung von grünem Strom spät auf den Zug auf. Dafür geht es jetzt umso schneller. Bis 2027 fließen circa 3 Milliarden US-Dollar in den Ausbau.
04.04.2025
Von Uwe Strohbach | Baku
- Mix von Faktoren treibt Ökostromprojekte an
- Deutsche Technik gefragt, asiatische Produkte bevorzugt
- Ausbau der Kapazitäten setzt auf Ökostrom-Export nach Europa
- Aserbaidschan ist Treiber der Schwarzmeer-Stromtrasse
- Internationale Beteiligung am Markt für Erneuerbare wächst
- Neue Gesetze und Aktionspläne kurbeln Ökostromprojekte an
Aserbaidschan nimmt Kurs auf grünen Strom. Der Anteil erneuerbarer Energien soll bis 2030 auf 35 Prozent steigen, gegenüber heute 20 Prozent. Schon bis 2026 soll grüne Energie 24 Prozent der installierten Kraftwerkskapazitäten ausmachen, was einer Steigerung um gut 7 Prozent entspricht.
Mix von Faktoren treibt Ökostromprojekte an
Für die guten Aussichten des EE-Marktes sprechen vor allem:
- großes, bisher kaum genutztes Potenzial an EE-Quellen,
- verbesserte Rahmenbedingungen und Investitionsanreize,
- fester Wille der Regierung, die Stromerzeugung aus EE auszubauen und zu einem Exportschlager zu entwickeln,
- großes Interesse an Kooperationen mit ausländischen Partnern und
- wachsende Bereitschaft von Gebern zur finanziellen Begleitung von Projekten.
2021 | 2022 | 2023 | 2024 | |
---|---|---|---|---|
Bruttostromerzeugung, davon: | 27,9 | 29,0 | 29,3 | 28,4 |
Fossile Energieträger *) | 26,2 | 27,0 | 27,1 | 24,5 |
EE, davon: | 1,7 | 2,0 | 2,2 | 3,9 |
Wasserkraft | 1,3 | 1,6 | 1,8 | 3,0 |
Windenergie (onshore) | 0,1 | 0,1 | 0,1 | 0,1 |
Biomasse | 0,2 | 0,2 | 0,2 | 0,2 |
Solarenergie | 0,1 | 0,1 | 0,1 | 0,6 |
EE-Anteil an der Bruttostromerzeugung (in %) | 6,1 | 6,0 | 7,5 | 13,7 |
Deutsche Technik gefragt, asiatische Produkte bevorzugt
Aserbaidschans Ökostromprojekte belaufen sich auf etwa 1 Milliarde US-Dollar (US$). Deutsche Erzeugnisse genießen in Aserbaidschan einen guten Ruf. Doch preiswerte asiatische Produkte haben oft die Nase vorn. In technologisch anspruchsvollen Produktgruppen bleibt deutsche Technik gefragt.
Laut Energieministerium besteht Bedarf an:
- netzgebundenen Batterie- (BES) und Pumpspeichersystemen (PHS),
- Hochspannungs-Gleichstromübertragungssystemen,
- Kabeln für Offshore-Windparks,
- Lösungen für den Ausbau und die Digitalisierung des Stromnetzes und
- Beratungs-, Projektierungs- und Planungsleistungen.
Energiesparte | Potenzial |
---|---|
Wirtschaftliches Potenzial 1) | 27,7 |
Solarenergie | 23,0 |
Windenergie (onshore) 2) | 3,0 |
Geothermie | 0,8 |
Kleinwasserkraft | 0,5 |
Biomasse | 0,4 |
In Aserbaidschan gibt es keine Handelsbeschränkungen durch Lokalisierungsanforderungen. Das Land ist stark auf Importe von Komponenten für erneuerbare Energien angewiesen. Es bestehen Chancen, neue Produktionskapazitäten in steuerlich geförderten Gewerbegebieten zu errichten und von dort aus den regionalen Markt zu beliefern.
Ausbau der Kapazitäten setzt auf Ökostrom-Export nach Europa
Der erste industrielle Solarpark ging 2023 in Betrieb. Die erste große Windfarm folgte 2025. Ab 2027 sollen acht Fotovoltaik- und Windparks mit einer installierten Leistung von etwa 1.900 Megawatt ins Netz einspeisen. Die projektierte jährliche Elektrizitätserzeugung beträgt 5,3 Milliarden Kilowattstunden.
Bis 2030 will das Land die installierte Leistung in der Ökostromerzeugung auf 7 Gigawatt ausbauen und damit gegenüber 2024 vervierfachen. Zwei Drittel davon, etwa 5 Gigawatt, sind für den Export nach Europa bestimmt.
Der Strom soll über zwei grüne Energiekorridore transportiert werden: vom Kaspischen Meer/Aserbaidschan nach Europa via Georgien und das Schwarze Meer (4 Gigawatt) sowie aus der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan nach Europa via Türkei (1 Gigawatt). Experten arbeiten an einem Konzept zur Integration des geplanten Energieknotenpunktes Dschäbrajil in Ost-Sangesur in das Stromnetz Nachitschewans und der Türkei.
Region - Standort des Projektes | Installierte Leistung (in MW) | Projektstand (geplante Inbetriebnahme) | Investor 1) |
---|---|---|---|
Autonome Republik Nachitschewan | 500 | Frühstadium | Masdar (VAE) |
Autonome Republik Nachitschewan | 500 | Absichtserklärung 2) | A-Z Czech Engineering (Tschechien) |
Bilasuvar | 445 | Planung (2027) | Masdar (VAE) |
Autonome Republik Nachitschewan | 400 | Absichtserklärung 2) | Nobel Energy Management (Aserbaidschan/UK) |
Banka, Nefttschala | 315 | im Bau (2027) | Masdar (VAE) |
Autonome Republik Nachitschwan | 250 | Absichtserklärung 2) | Total Energies (Frankreich) |
Shafag, Ost-Sangesur | 240 | im Bau (Ende 2025/Anfang 2026) | Shafag Solar (BP, Großbritannien; AIC, Aserbaidschan) |
Landkreis Füzili | 160 | Vereinbarung 3) | China Energy Overseas Investment (China) |
Dschäbrajil/Ost-Sangesur | 100 | Planung (2027 für 1. Phase mit 50 MW) | Nobel Energy Management Aserbaidschan/Großbritannien) |
Gobustan/Garadagh | 100 | Planung (2027) | Universal International Holdings Limited (China) |
Autonome Republik Nachitschewan | 70 | Absichtserklärung 2) | Notus energy (Deutschland) |
Projekt | Installierte Leistung (in MW) | Projektstand (geplante Inbetriebnahme) | Investor 1) |
---|---|---|---|
Chizi/Abscheron | 240 | im Bau (Ende 2025) | ACWA Power (Saudiarabien) |
Autonome Republik Nachitschwan | 250 | Absichtserklärung 2) | Total Energies (Frankreich) |
Аbscheron-Garadagh | 240 | Planung (2027) | Masdar (VAE) |
Kalbadschar/Ost-Sangesur | 200 bis 240 | Projektierung (2028) | Clean Energy Invest LLC/AGEC, Baltech Green LLC (Aserbaidschan/Türkei) |
Landkreis Latschin | 100 | Planung | Masdar (VAE) |
Garadagh/Baku | 70 | Projektfrühstadium | Elecnor (Spanien) |
Aserbaidschan ist Treiber der Schwarzmeer-Stromtrasse
Aserbaidschanische Experten erstellen derzeit eine Machbarkeitsstudie für eine 1.500 Kilometer lange Stromleitung von Aserbaidschan (Agstafa) nach Europa (Constanta, Rumänien) via Georgien. Diese Trasse soll das geplante 1,3-Gigawatt-Hochspannungsunterseekabel mit einer Länge von 1.195 Kilometern zwischen Anaklia (Georgien) und Constanta (Rumänien) einbinden. Zu diesem Zweck gründeten die Stromübertragungsgesellschaften von Aserbaidschan, Georgien, Rumänien und Ungarn Anfang 2025 die gemeinsame Green Energy Corridor Power Company (GECO Power Company).
Das italienische Beratungsunternehmen CESI bestätigte 2024 die Machbarkeit des 3,5 Milliarden-US-Dollar-Projekts. Die EU will über den Wirtschafts- und Investitionsplan für die Östliche Partnerschaft finanziell begleiten. In den Jahren 2025 und 2026 wird die Umwelt- und Sozialverträglichkeit des Projekts geprüft und der Meeresboden untersucht. Die Fertigstellung des Stromkabels ist für 2030 geplant.
Internationale Beteiligung am Markt für Erneuerbare wächst
Die ersten Pläne für die industrielle Nutzung von Sonnen- und Windenergie in Aserbaidschan stammen von Masdar (VAE) und ACWA Power (Saudiarabien). Masdar plant Solar- und Windparks an Land (jeweils 2 Gigawatt) sowie Offshore-Windparks (1 Gigawatt). ACWA Power konzipiert Offshore- und Onshore-Windparks (1,5 Gigawatt und 1 Gigawatt).
Heute ist der Markt vielfältiger. Fünf chinesische Unternehmen (China Gezhouba Group, China Energy Investment, China Datang, Power China Resources und TBEA) planen Projekte. Auch Unternehmen aus Deutschland (Siemens Energy Global, Notus Energy), Dänemark (Capelle Wind Technologies), Frankreich (Total Energies), Spanien (Elecnor) und Tschechien (A-Z Czech Engineering) sind aktiv.
Neue Gesetze und Aktionspläne kurbeln Ökostromprojekte an
Aserbaidschans bisherige Programme für den Ausbau erneuerbarer Energien scheiterten meist an ungünstigen Rahmenbedingungen, fehlenden Finanzen und mangelnder Fachkompetenz. Heute stehen deren Chancen besser, trotz des wenig liberalisierten Strommarktes.
Meilensteine für industrielle Solar-und Windkraftwerke
2020: Neugründung der Agentur für Erneuerbare Energien (AREA) als Kontaktpartner für Ökostromprojekte
2021: Inkraftsetzung eines Gesetzes „Über die Nutzung erneuerbarer Energiequellen (EE) in der Stromerzeugung“
2021: Präsidialdekret "Grüne Zone Karabach" (regionales EE-Potenzial: 10.000 Megawatt davon Sonnenenergie: 7.000 Megawatt; Windkraft: 2.000 Megawatt; aktuell Umsetzung mehrerer Wasserkraftprojekte)
2024: Durchführung der ersten Fotovoltaik-Auktion
2025: Neues Paket für die steuerliche Förderung von Ökostromprojekten (Befreiung von der Gewinn-, Vermögen- und Grundsteuer sowie der Mehrwertsteuer für den Ausrüstungsimport über einen Zeitraum von bis zu 30 Jahren für PPP-Projekte)
Arabisches Unternehmen Masdar hat große Ausbaupläne
Masdar (VAE), ein globaler Marktführer für saubere Energie, hat große Ambitionen in Aserbaidschan. Die Tochtergesellschaft der Mubadala Investment Company, eines Staatsfonds der VAE, und das aserbaidschanische Energieministerium vereinbarten Mitte 2022 exportorientierte Energieprojekte mit einer installierten Leistung von 10 Gigawatt.
Das Paket umfasst in der ersten Phase neue Onshore-Fotovoltaik- und Windkraftparks (jeweils 1 Gigawatt) und in der zweiten Phase integrierte Offshore-Windenergie- und Grüner-Wasserstoff-Projekte (2 Gigawatt). Später sind weitere Anlagen (bis zu 6 Gigawatt) vorgesehen.