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Weitere Konzentration in Polens Lebensmittel-Einzelhandel

Internationale Discounter expandieren in Polen. Deutsche Exporteure von Lebensmitteln sollten aber nicht nur die Handelsriesen im Blick haben. Auch polnische Ketten wachsen.

Von Christopher Fuß | Warschau

Polens Einzelhandel mit Lebensmitteln befindet sich im Umbruch. Verbraucher schnallen den Gürtel enger. Das ist auch der gestiegenen Inflation geschuldet. Die Folge: Kleine, unabhängige Geschäfte mit ihren oft höheren Preisen verlieren Kunden und müssen schließen.

Wie die Tageszeitung Rzeczpospolita unter Berufung auf den Wirtschaftsinformationsdienst Dun & Bradstreet schreibt, stellten 2022 im gesamten Einzelhandel fast 10.000 Läden ihren Betrieb ein. Das sind 72,3 Prozent mehr als noch 2021. Bei den meisten betroffenen Firmen handelte es sich um Lebensmittelgeschäfte, berichtet Dun & Bradstreet. Insgesamt seien zwischen 2008 und 2022 rund 90.000 Einzelhandelsfilialen vom polnischen Markt verschwunden.

Aus Zahlen der Statistikbehörde GUS (Główny Urząd Statystyczny) geht hervor, dass sich die Marktanteile seit einigen Jahren verschieben. Im Jahr 2015 waren 43,7 Prozent aller Lebensmittelgeschäfte in Polen kleine Läden mit weniger als 100 Quadratmetern Verkaufsfläche. Bis 2021 fiel ihr Anteil auf 39,4 Prozent. Verkaufsstellen ab 400 Quadratmetern gewannen hingegen dazu.

Deutsche und polnische Handelsketten auf Expansionskurs

Für dieses Wachstum sind hauptsächlich die internationalen Discounter verantwortlich. Der deutsche Handelsriese Lidl eröffnet laut eigener Auskunft jährlich rund ein Dutzend Filialen in Polen. Noch dynamischer scheint sich der Konkurrent Biedronka (Teil einer portugiesischen Unternehmensgruppe) zu entwickeln. Wie die Rzeczpospolita berichtet, eröffnete Polens größter Lebensmitteleinzelhändler 24 Filialen allein im Dezember 2022.

Der Discounter Aldi verfügt mit rund 230 Geschäften noch über ein recht dünnes Filialnetz. Das soll sich ändern. Bis 2024 will das Unternehmen um 120 zusätzliche Geschäfte wachsen. Schon heute gibt der Lebensmittelriese knapp 160 Millionen Euro jährlich für seine Expansionsziele in Polen aus. Zwei neue Logistikzentren stehen in den Investitionsplänen des Unternehmens. Die Standorte sind noch unklar.

Doch nicht nur die ausländischen Ketten wachsen. Der polnische Lebensmittelhändler Dino kann insbesondere in ländlichen und dünner besiedelten Gebieten neue Standorte erschließen. Branchenportale klassifizieren das Unternehmen als sogenannten Nachbarschaftsladen (Proximity Store) - ein Geschäft mit reduziertem Sortiment und begrenzter Verkaufsfläche.

Dino erweiterte sein Filialnetz allein 2022 um 344 neue Geschäfte. Der Umsatz stieg zwischen Januar und September 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 50 Prozent auf rund 3 Milliarden Euro. Obwohl das Unternehmen bereits seit 1999 am Markt ist, hat der Betrieb vor allem seit 2010 sukzessive an Bedeutung gewonnen. Weitere Nachbarschaftsläden in Polen sind die zur Eurocash-Gruppe gehörenden Marken abc und Delikatesy Centrum.

Discounter setzen den Bio-Einzelhandel unter Druck

Polens Biomarkt stagniert hingegen. Bislang konnte sich die Branche über jährliche Umsatzzuwächse im zweistelligen Prozentbereich freuen. Laut der Marktforschung NielsenIQ kauften die Kunden zwischen April 2021 und April 2022 ökologische Lebensmittel im Wert von 168 Millionen Euro - ein im Jahresvergleich maues Plus von 1,3 Prozent. Vieles deutet darauf hin, dass der Rest des Jahres 2022 nicht viel besser lief.

Die Supermarktkette Bio Family aus Poznań steht kurz vor dem Aus, wie das Portal DlaHandlu.pl berichtet. Konkurrent Organic Farma Zdrowia schloss 2022 ebenfalls mehrere Filialen. Immerhin konnte Polens größte Bio-Einzelhandelskette zwischen Januar und November 2022 seine Umsätze um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigern. Die Restrukturierung der angeschlagenen Kette läuft dennoch weiter. Großhändler und Importeur Bio Planet befindet sich trotz sinkender Umsätze auf Einkaufstour. Das Unternehmen übernahm 2022 mehrere Konkurrenten.

Discounter wie Biedronka und Lidl scheinen den Umsatzrückgang im Bio-Segment weniger zu spüren. Beide Firmen berichten, man würde das Sortiment an grünen Produkten kontinuierlich ausbauen. Der Fokus liegt auf Eigenmarken, die mittlerweile 60 Prozent des Bio-Umsatzes in den Niedrigpreis-Supermärkten ausmachen.

Während die allgemeinen Verkaufszahlen in der Bio-Sparte stagnieren, befindet sich eine andere Produktgruppe im Aufwind. Der Absatz von pflanzliche Alternativen für Fleisch- und Milchprodukte stieg zwischen 2019 und 2022 je nach Lebensmittel um bis zu 60 Prozent. Trotzdem handelt es sich laut Marktforschung GfK Polonia weiterhin um eine Nischenkategorie.

Mögliche Folgen für den deutschen Lebensmittelexport

Die deutsche Lebensmittel- und Getränkeindustrie exportierte 2021 Waren im Wert von 3,3 Milliarden Euro nach Polen. Das Land bleibt damit der wichtigste Absatzmarkt in Mittelosteuropa. Ein Umfeld mit nur wenigen großen Handelsunternehmen könnte aber gerade kleinen Herstellern den Markteinstieg in Polen erschweren. Zum einen schrumpft mit der Marktkonzentration die Zahl potenzieller Geschäftspartner, zum anderen kaufen führende Handelsunternehmen eher in großen Volumen. Das könnte manche Lieferanten überfordern.

Die Marktmacht der Discounter sorgt regelmäßig für Diskussionen. Politiker aus dem polnischen Regierungslager werfen den Handelsriesen vor, sie würden die Preise drücken. Erzeuger müssten ihre Produkte unter Wert verkaufen. Im Jahr 2022 schloss die Regierung daher 15 staatliche Lebensmittelbetriebe zur Gruppe KGS (Krajowa Grupa Spożywcza) zusammen.

Die neue Gesellschaft soll Waren von Landwirten aufkaufen und auf diese Weise die Marktpreise anheben. Außerdem stand die Überlegung im Raum, ein staatlich kontrolliertes Einzelhandelsnetz aufzubauen. So deutete beispielsweise der Vorsitzende der Regierungspartei PiS (Prawo i Sprawiedliwość) Jarosław Kaczyński im Oktober 2022 an, man könne Polens größte Mini-Markt-Kette Żabka dem bisher amerikanischen Eigentümer abkaufen. Das Landwirtschaftsministerium und die KGS ruderten später zurück und dementierten die Pläne. Aktuell scheint sich die neue Lebensmittelgruppe zu einer Art Landhandel zu entwickeln.

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