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Wirtschaftsumfeld | Finnland, Estland, Lettland, Litauen | Lieferketten, Beschaffung

Estland, Lettland, Litauen und Finnland haben viel zu bieten

Aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen werden immer mehr Vorprodukte importiert. Unterschiedliche Faktoren sind dafür verantwortlich.

Von Niklas Becker | Helsinki

Finnland, Estland, Lettland und Litauen werden als Beschaffungsmärkte voraussichtlich weiter an Bedeutung gewinnen. Vor allem die EU- und Nato-Mitgliedschaft der Länder sowie ihre starke Exportorientierung sprechen dafür. Darüber hinaus ist die Wirtschaft der Länder eng mit Deutschland verzahnt und die Arbeitnehmer sind hoch qualifiziert.   

Wie aktiv deutsche Einkäufer bereits jetzt im Norden unterwegs sind, zeigen die deutschen Importe aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Diese summierten sich 2024 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf rund 14 Milliarden Euro, ein nominales Plus von 9,4 Prozent im Vergleich zu 2019. Mit dem Wachstum der gesamten deutschen Importe, die im Berichtszeitraum um 19 Prozent zugelegt haben, können Finnland und die Balten aber nicht mithalten. Es gibt für sie Potenzial nach oben. 

Deutschland kauft viele Vorprodukte im Norden ein

Bei den deutschen Importen aus den vier Ländern spielen Vorprodukte eine wichtige Rolle. Das zeigen Detailzahlen von Eurostat. Fast ein Drittel aller aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen nach Deutschland eingeführten Waren entfiel auf die Produktklasse Vorerzeugnisse und Halbwaren. Finnland ist dabei mit Abstand der größte Lieferant. Mehr als 80 Prozent aller aus der Region importierten Vorerzeugnisse stammten aus dem nordischen Land. 

Importierte Vorerzeugnisse aus Holz, Papier und Pappe sowie aus Eisen und Stahl waren die wichtigste Kategorie. Konkret kamen im Jahr 2023 kamen mehr als 8 Prozent der aus aller Welt nach Deutschland importierten Vorerzeugnisse aus Holz, Papier und Pappe aus der Region. Bei Vorerzeugnissen aus Eisen und Stahl lag ihr Anteil bei 5 Prozent.   

Niedrigere Arbeitskosten als Pluspunkt

Die Attraktivität ausländischer Beschaffungsmärkte wird maßgeblich durch die örtlichen Arbeitskosten determiniert. Wie Zahlen von Eurostat zeigen, liegen diese in Estland, Lettland und Litauen weiterhin unter dem EU-Durchschnitt und dem deutschen Niveau. So mussten Arbeitgeber der gewerblichen Wirtschaft 2023 im EU-Durchschnitt 31,60 Euro und in Deutschland 41,90 Euro pro Arbeitsstunde für einen Mitarbeiter bezahlen. In Estland waren es 18,30 Euro, in Litauen 14,80 Euro und in Lettland 13,80 Euro. Letzteres weist die viertniedrigsten Arbeitskosten der EU auf. 

Die Differenz zwischen Deutschland und den baltischen Ländern bei den Arbeitskosten ist allerdings rückläufig. In Estland, Lettland und Litauen sind die Löhne in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als in Deutschland und im EU-Durchschnitt. 

So lagen die Arbeitskosten in Deutschland 2023 rund 12,6 Prozent über dem 2020er-Niveau. Im EU-Durchschnitt waren es 12,5 Prozent mehr. Lettland verzeichnete hingegen einen Zuwachs um mehr als 23 und Estland um fast 29 Prozent. In Litauen fiel der Anstieg noch deutlicher aus. In keinem anderen EU-Mitgliedsstaat sind die Arbeitskosten so stark gestiegen wie hier: Zwischen 2020 und 2023 verzeichnete Eurostat ein Plus von 43,7 Prozent.

Finnland: Nirgendwo in der EU ist der Strom günstiger

Finnland kann bei den baltischen Arbeitskosten nicht mithalten. In dem nordischen Land mussten die Arbeitgeber 2023 im Schnitt 38,50 Euro für eine Arbeitsstunde zahlen. Zwischen 2020 und 2023 lag der Anstieg der Arbeitskosten bei 10,6 Prozent. 

Dafür punktet Finnland allerdings mit seinen Stromkosten. In der 1. Jahreshälfte 2024 mussten Unternehmen in Finnland im Schnitt 11,03 Cent (inklusive Steuern und Abgaben) für eine Kilowattstunde bezahlen. In keinem EU-Mitgliedsstaat war es günstiger. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 24,69 Cent.  

Für finnische Zulieferer spricht zudem der Nachhaltigkeitsaspekt. Finnland gilt als Vorreiter in diesem Bereich und belegt seit vielen Jahren den 1. Platz im UN-Nachhaltigkeitsreport. Bereits 2035 will das Land CO2-neutral sein. "Das Thema Nachhaltigkeit wird für kleine und mittlere Unternehmen, die in der Zulieferkette tätig sind, immer wichtiger. In Finnland haben kleine und mittlere Unternehmen bereits große Schritte bei der Entwicklung ihrer Nachhaltigkeitsarbeit unternommen, beispielsweise in Bezug auf die Emissionen und den Energieverbrauch ihrer Betriebe", sagt Katja Keitaanniemi, Geschäftsführerin der finnischen OP Geschäftsbank. 

Zulieferbetriebe leisten großen Beitrag zur finnischen Volkswirtschaft

Für die nordische Volkswirtschaft spielt die heimische Zulieferindustrie eine große Rolle. Nach Angaben des finnischen Verbandes der technischen Industrien (Teknologiateollisuus) erwirtschafte der Sektor 2023 einen Jahresumsatz von 2,6 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 16.000 Personen.

Gemessen am Umsatz und an der Zahl der Beschäftigen sind der Maschinenbau und die Metallindustrie die wichtigsten Zulieferbranchen. In der finnischen Zulieferindustrie gibt es vor allem Klein- oder Familienunternehmen - ganz anders als in vielen anderen Branchen, die von Großunternehmen geprägt sind. 

Ein wichtiger Aspekt bei der Beschaffung von Gütern aus Finnland ist das Thema Logistik. Logistisch betrachtet ist Finnland eine Insel. Zwar gestaltet sich der Handel zwischen Deutschland und Finnland ähnlich wie mit anderen EU-Staaten. Aufgrund der größeren Entfernung und der Ostsee ist jedoch eine sorgfältigere Planung erforderlich. 

Litauen ist bekannt für seine Logistikfirmen. Sie spielen für die heimische Wirtschaft eine große Rolle und haben sich auf internationale Transporte spezialisiert. Der Import von Waren aus Estland, Lettland und Litauen nach Deutschland dürfte künftig einfacher werden. Grund ist das europäische Schienenprojekt Rail Baltica, das eine durchgehende Zugverbindung von Tallinn nach Vilnius und weiter nach Polen vorsieht. Die grenzüberschreitenden Verbindungen sollen 2030 fertig sein. 

Mehr Informationen zu den wirtschaftlichen Strukturen Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens finden Sie in unseren Publikationen zum Wirtschaftsstandort. Auf den jeweiligen Länderseiten (Finnland, Estland, Lettland und Litauen) finden Sie weiterführende Berichte und Analysen. 

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