Östliche Ostseeanrainer rücken als Beschaffungsmarkt in den Fokus
Special | Finnland, Estland, Lettland, Litauen | Beschaffung
Östliche Ostseeanrainer rücken als Beschaffungsmarkt in den Fokus
Deutschland importiert immer mehr Waren aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Das Potenzial wird jedoch nicht ausgenutzt. Besonders im Zulieferbereich gibt es noch Luft.
14.03.2025
Von Niklas Becker
|
Helsinki
Am 24. und 25. März 2025 findet die 1. Einkaufsinitiative Finnland, Estland, Lettland, Litauen statt. Die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) finanzierte Initiative bietet deutschen Einkäufern die Möglichkeit, sich mit Zulieferern aus der Region zu vernetzen und Beziehungen aufzubauen. Diese Publikation stellt die interessantesten Lieferbranchen vor.
"Es gibt in vielen Branchen gute Beziehungen zwischen der deutschen Industrie und den Zulieferbetrieben aus der Region. Für diese Unternehmen ist Deutschland häufig kein unbekannter Markt. Das Beschaffungspotenzial ist aber nicht ausgeschöpft. Deutsche Einkäufer haben die Region zu wenig auf dem Radar", berichtet Olaf Holzgrefe, Leiter International beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME).
Finnland, Estland, Lettland und Litauen werden als Beschaffungsmärktevoraussichtlich weiter an Bedeutung gewinnen. Vor allem die EU- und Nato-Mitgliedschaft der Länder sowie ihre starke Exportorientierung sprechen dafür. Darüber hinaus ist die Wirtschaft der Länder eng mit Deutschland verzahnt und die Arbeitnehmer sind hoch qualifiziert.
Wie aktiv deutsche Einkäufer bereits jetzt im Norden unterwegs sind, zeigen die deutschen Importe aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Diese summierten sich 2024 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf rund 14 Milliarden Euro, ein nominales Plus von 9,4 Prozent im Vergleich zu 2019. Mit dem Wachstum der gesamten deutschen Importe, die im Berichtszeitraum um 19 Prozent zugelegt haben, können Finnland und die Balten aber nicht mithalten. Es gibt für sie Potenzial nach oben.
Deutschland kauft viele Vorprodukte im Norden ein
Bei den deutschen Importen aus den vier Ländern spielen Vorprodukte eine wichtige Rolle. Das zeigen Detailzahlen von Eurostat. Fast ein Drittel aller aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen nach Deutschland eingeführten Waren entfiel auf die Produktklasse Vorerzeugnisse und Halbwaren. Finnland ist dabei mit Abstand der größte Lieferant. Mehr als 80 Prozent aller aus der Region importierten Vorerzeugnisse stammten aus dem nordischen Land.
Importierte Vorerzeugnisse aus Holz, Papier und Pappe sowie aus Eisen und Stahl waren die wichtigste Kategorie. Konkret kamen im Jahr 2023 kamen mehr als 8 Prozent der aus aller Welt nach Deutschland importierten Vorerzeugnisse aus Holz, Papier und Pappe aus der Region. Bei Vorerzeugnissen aus Eisen und Stahl lag ihr Anteil bei 5 Prozent.
Niedrigere Arbeitskosten als Pluspunkt
Die Attraktivität ausländischer Beschaffungsmärkte wird maßgeblich durch die örtlichen Arbeitskosten determiniert. Wie Zahlen von Eurostat zeigen, liegen diese in Estland, Lettland und Litauen weiterhin unter dem EU-Durchschnitt und dem deutschen Niveau. So mussten Arbeitgeber der gewerblichen Wirtschaft 2023 im EU-Durchschnitt 31,60 Euro und in Deutschland 41,90 Euro pro Arbeitsstunde für einen Mitarbeiter bezahlen. In Estland waren es 18,30 Euro, in Litauen 14,80 Euro und in Lettland 13,80 Euro. Letzteres weist die viertniedrigsten Arbeitskosten der EU auf.
Die Differenz zwischen Deutschland und den baltischen Ländern bei den Arbeitskosten ist allerdings rückläufig. In Estland, Lettland und Litauen sind die Löhne in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als in Deutschland und im EU-Durchschnitt.
So lagen die Arbeitskosten in Deutschland 2023 rund 12,6 Prozent über dem 2020er-Niveau. Im EU-Durchschnitt waren es 12,5 Prozent mehr. Lettland verzeichnete hingegen einen Zuwachs um mehr als 23 und Estland um fast 29 Prozent. In Litauen fiel der Anstieg noch deutlicher aus. In keinem anderen EU-Mitgliedsstaat sind die Arbeitskosten so stark gestiegen wie hier: Zwischen 2020 und 2023 verzeichnete Eurostat ein Plus von 43,7 Prozent.
Finnland: Nirgendwo in der EU ist der Strom günstiger
Finnland kann bei den baltischen Arbeitskosten nicht mithalten. In dem nordischen Land mussten die Arbeitgeber 2023 im Schnitt 38,50 Euro für eine Arbeitsstunde zahlen. Zwischen 2020 und 2023 lag der Anstieg der Arbeitskosten bei 10,6 Prozent.
Dafür punktet Finnland allerdings mit seinen Stromkosten. In der 1. Jahreshälfte 2024 mussten Unternehmen in Finnland im Schnitt 11,03 Cent (inklusive Steuern und Abgaben) für eine Kilowattstunde bezahlen. In keinem EU-Mitgliedsstaat war es günstiger. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 24,69 Cent.
Für finnische Zulieferer spricht zudem der Nachhaltigkeitsaspekt. Finnland gilt als Vorreiter in diesem Bereich und belegt seit vielen Jahren den 1. Platz im UN-Nachhaltigkeitsreport. Bereits 2035 will das Land CO2-neutral sein. "Das Thema Nachhaltigkeit wird für kleine und mittlere Unternehmen, die in der Zulieferkette tätig sind, immer wichtiger. In Finnland haben kleine und mittlere Unternehmen bereits große Schritte bei der Entwicklung ihrer Nachhaltigkeitsarbeit unternommen, beispielsweise in Bezug auf die Emissionen und den Energieverbrauch ihrer Betriebe", sagt Katja Keitaanniemi, Geschäftsführerin der finnischen OP Geschäftsbank.
Zulieferbetriebe leisten großen Beitrag zur finnischen Volkswirtschaft
Für die nordische Volkswirtschaft spielt die heimische Zulieferindustrie eine große Rolle. Nach Angaben des finnischen Verbandes der technischen Industrien (Teknologiateollisuus) erwirtschafte der Sektor 2023 einen Jahresumsatz von 2,6 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 16.000 Personen.
Gemessen am Umsatz und an der Zahl der Beschäftigen sind der Maschinenbau und die Metallindustrie die wichtigsten Zulieferbranchen. In der finnischen Zulieferindustrie gibt es vor allem Klein- oder Familienunternehmen - ganz anders als in vielen anderen Branchen, die von Großunternehmen geprägt sind.
Ein wichtiger Aspekt bei der Beschaffung von Gütern aus Finnland ist das Thema Logistik. Logistisch betrachtet istFinnland eine Insel. Zwar gestaltet sich der Handel zwischen Deutschland und Finnland ähnlich wie mit anderen EU-Staaten. Aufgrund der größeren Entfernung und der Ostsee ist jedoch eine sorgfältigere Planung erforderlich.
Litauen ist bekannt für seine Logistikfirmen. Sie spielen für die heimische Wirtschaft eine große Rolle und haben sich auf internationale Transporte spezialisiert. Der Import von Waren aus Estland, Lettland und Litauen nach Deutschland dürfte künftig einfacher werden. Grund ist das europäische Schienenprojekt Rail Baltica, das eine durchgehende Zugverbindung von Tallinn nach Vilnius und weiter nach Polen vorsieht. Die grenzüberschreitenden Verbindungen sollen 2030 fertig sein.
Mehr Informationen zu den wirtschaftlichen Strukturen Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens finden Sie in unseren Publikationen zum Wirtschaftsstandort. Auf den jeweiligen Länderseiten (Finnland, Estland, Lettland und Litauen) finden Sie weiterführende Berichte und Analysen.
Zulieferer aus Estland, Lettland und Litauen spielen eine wichtige Rolle für deutsche Firmen. Es gibt aber noch viel Potenzial, sagt ein Vertreter der deutschen Wirtschaft vor Ort.
Dominic Otto ist seit mehr als 17 Jahren beruflich in Estland, Lettland und Litauen tätig. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet er als stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Baltischen Industrie und Handelskammer (AHK Baltikum). Im Gespräch mit GTAI berichtet er über die Möglichkeiten für deutsche Unternehmen, Waren und Dienstleistungen aus Estland, Lettland und Litauen zu beziehen.
Herr Otto, sind die Beschaffungsmärkte in Estland, Lettland und Litauen für deutsche Firmen ein neues Thema, das besonders durch die Coronakrise an Bedeutung gewonnen hat?
Nein, das würde ich nicht sagen. Die Verlagerung von Lieferketten ins Baltikum hat während der Coronazeit natürlich sehr große Aufmerksamkeit bekommen. Aber auch in den Jahren zuvor hat das Thema in Estland, Lettland und Litauen eine große Rolle gespielt. Schon vor 2020 hatten wir eine Reihe von Anfragen deutscher Unternehmen zur Lieferantensuche in Estland, Lettland und Litauen.
Tatsächlich ist die Zahl der Anfragen im Winter 2024/2025 in diesem Bereich niedriger als sonst. Das ist meiner Meinung nach auf die aktuelle wirtschaftliche Situation zurückzuführen. Ich gehe aber davon aus, dass wir wieder mehr Anfragen aus Deutschland bekommen werden, wenn sich die Wirtschaft wieder besser entwickelt und die deutschen Firmen wieder mehr Zulieferer brauchen.
Hat sich bei den Anfragen in den vergangenen Jahren etwas verändert?
Ein Trend ist das Thema Joint Ventures. Immer häufiger wollen deutsche Unternehmen nicht nur eine klassische Kunden-Lieferanten-Beziehung mit den baltischen Unternehmen aufbauen. Stattdessen sind sie an einer intensiveren strategischeren Kooperation oder sogar Beteiligung an den estnischen, lettischen und litauischen Unternehmen interessiert. Dadurch wollen sie sich ihre Lieferbeziehung langfristig sichern.
Wird das in den Ländern kritisch gesehen?
Nein, ganz im Gegenteil. Estland, Lettland und Litauen sind stark an engeren Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland interessiert. Seitens der Politik werden dabei beispielsweise auch immer wieder Joint Ventures als eine Möglichkeit der intensiveren Zusammenarbeit genannt.
Was sind die Motive deutscher Unternehmen, die sich für Estland, Lettland und Litauen als Beschaffungsmarkt interessieren?
Ein Argument, das wir immer wieder hören, ist, dass Unternehmen ihre Lieferketten sicherer machen und verkürzen wollen. Sie wollen ihre Lieferkettennäher vor die Haustür holen. Und da stehen Estland, Lettland und Litauen hoch im Kurs. Das betrifft übrigens nicht nur den reinen Zuliefererbereich. Eine Reihe von baltischen Unternehmen sind auch als Auftragsfertiger für deutsche Firmen tätig.
Geht es den deutschen Firmen darum ein zweites Standbein ihrer Lieferkette aufzubauen oder ersetzen sie mit baltischen Zulieferern Firmen aus anderen Ländern?
Häufig hören wir, dass die deutschen Unternehmen tatsächlich Lieferanten aus anderen Ländern ersetzen wollen.
Welche Unterschiede gibt es bei der Beschaffung aus Estland, Lettland und Litauen im Vergleich zu anderen Ländern?
Die Arbeitskosten sind in Estland, Lettland und Litauen zwar immer noch merklich niedriger als in Deutschland, mit den Kosten im asiatischen Raum können die Balten aber nicht mithalten. Deutsche Unternehmen sollten nicht davon ausgehen, dass sie Produkte, die sie zuvor beispielsweise aus China bezogen haben, zu den gleichen Preisen aus den baltischen Staaten erhalten können.
Hinzu kommt, dass sich Estland, Lettland und Litauen in den vergangenen Jahren wirtschaftlich enorm entwickelt haben und die Löhne deshalb steigen. Das muss man natürlich berücksichtigen. Für deutsche Unternehmen sind die drei Länder aber weiterhin sehr attraktive Beschaffungsmärkte.
Weil?
Beispielsweise weil die baltischen Firmen sehr flexibel sind. Es sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die als Zulieferer für deutsche Firmen infrage kommen. Sie sind erfahrungsgemäß sehr flexibel und können sich den Bedürfnissen der Kunden anpassen. Deutsche Unternehmen beschaffen vor allem Waren in kleineren Mengen aus Estland, Lettland und Litauen. Genau da sehe ich auch die große Stärke der drei Zulieferindustrien, weil sie von heute auf morgen ihre Produktion umstellen und an die Bedürfnisse der deutschen Kunden anpassen können.
Welche weiteren Stärken sprechen für die baltischen Zulieferer?
Ein weiterer Pluspunkt ist die hohe Qualität. Die Ausbildungssysteme in Estland, Lettland und Litauen sind gut, sodass es viele gut ausgebildete Fachkräfte gibt. Diese Rückmeldung bekommen wir auch immer wieder in Gesprächen mit deutschen Firmen. Und natürlich sind alle drei Länder EU-Mitglieder. Sämtliche EU-Normen werden eingehalten und es gibt keine Zollproblematik. Darüber hinaus sind die Transportwege aus der Region sowohl per Straße als auch per See deutlich kürzer als aus Asien.
Die Metallverarbeitung gehört zu den wichtigsten Branchen in Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Baltische Betriebe sind häufig in der Auftragsfertigung tätig.
Für deutsche Einkäufer sind vor allem die hohe Qualität, die Innovationskraft und die starke Exportorientierung der finnischen Metallindustrie interessant. Die Hersteller sind für ihre hochwertigen Produkte und ihre Zuverlässigkeit bekannt. Ihr großes Engagement bei Forschung und Entwicklung bringt immer wieder innovative Produktionsmethoden und neue Materialien hervor. Die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz spielen in der finnischen Metallindustrie eine wichtige Rolle.
Deutschland ist für die finnische Metallindustrie der zweitwichtigste Absatzmarkt
Finnlands Hersteller von Metallerzeugnissen erwirtschafteten 2023 einen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro. Sie exportieren einen großen Teil ihrer Produkte. Dabei ist Deutschland für die Branche nach Schweden der zweitwichtigste ausländische Absatzmarkt. Vor allem Bleche aus raffiniertem Kupfer bestimmen Finnlands Export von Metallerzeugnissen nach Deutschland. Auch Rohre aus Eisen und Stahl werden in großen Mengen nach Deutschland verkauft.
Estnische Betriebe arbeiten oft als Auftragsfertiger
Estlands Hersteller von Metallerzeugnissen verdienen ihr Geld bisher vor allem in Skandinavien. Aufgrund der geografischen Nähe sind diese Länder die wichtigsten Exportmärkte. Die estnischen Firmen berichten jedoch von einer kräftig zunehmenden Nachfrage aus Deutschland, die deutlich stärker wächst als die skandinavische. Im Jahr 2023 war Deutschland bereits der drittwichtigste Exportmarkt. Die zunehmende deutsche Nachfrage zeigt, dass estnische Metallerzeugnisse bei deutschen Firmen immer beliebter werden. Deutsche Einkäufer können von geografischer Nähe und kurzen Lieferzeiten profitieren.
Der Metallverarbeitung kommt in Estland eine große Bedeutung zu. Sie ist nach der Holzwirtschaft der größte Sektor im verarbeitenden Gewerbe. Generell sind die estnischen metallverarbeitenden Betriebe vor allem im Bereich der Auftragsfertigung tätig. Es gibt jedoch auch eine Reihe von Unternehmen, die als Partner für die Fertigung von komplexen Komponenten infrage kommen. Aufgrund der stark steigenden Arbeitskosten will die Branche ihre Wertschöpfung erhöhen.
Exporte nach Deutschland legen stark zu
Auch in Litauen und Lettland sind die meisten der metallverarbeitenden Betriebe in der Auftragsfertigung tätig. Die litauischen und lettischen Zulieferer berichten ebenfalls von einem steigenden Interesse deutscher Einkäufer nach metallischen Vorprodukten. So liegt Deutschland im litauischen Exportranking von Metallerzeugnissen 2023 nach Schweden und Norwegen bereits auf Platz drei. Im lettischen Ranking liegt der deutsche Absatzmarkt 2023 auf Platz 4. Allerdings wachsen die lettischen Exporte von Metallerzeugnissen nach Deutschland am stärksten unter den wichtigsten lettischen Absatzmärkten.
Baltische Maschinenbauerbeeindrucken mit hoher Qualität und wirtschaftlicher Bedeutung. In Finnland ist die Branche ebenfalls stark. Das gilt auch für die vielen Zulieferer.
Litauische Maschinen- und Anlagenbauer sind bereits als Outsourcing-Partner für europäische Unternehmen, darunter viele aus Deutschland, tätig. Dabei haben viele Firmen aus Litauen umfangreiche Erfahrung darin, Fertigungsprojekte, die ausgelagert worden sind, zu übernehmen. Sie wickeln aber auch zunehmend anspruchsvollere Aufgaben innerhalb der Wertschöpfungsketten ihrer europäischen Kunden ab.
Bedeutende Produktion von Maschinenteilen in Litauen und Estland
Ein bedeutender Vorteil der litauischen Maschinenbauindustrie ist die große Zahl hochqualifizierter Ingenieure im Land. Zudem sind litauische Maschinenbauunternehmen sehr zufrieden mit der Motivation und Produktivität ihrer Mitarbeiter.
Der litauische Maschinenbau erwirtschaftete 2022 nach Angaben von Eurostat einen Produktionswert von 767 Millionen Euro. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die Hersteller von Maschinenteilen. Mittlerweile machen sie etwa ein Viertel der Produktion des litauischen Maschinenbaus aus. Den Großteil seines Umsatzes erzielt der litauische Maschinebau im Ausland. In Finnland, Estland und Lettland ist die Situation ähnlich.
Spannend ist der Blick nach Estland. Es ist mit 1,4 Millionen Einwohnern das kleinste baltische Land (Litauen 2,7 und Lettland 1,9 Millionen Einwohner). Mit einem Produktionswert von 730 Millionen Euro erwirtschafteten die Maschinenbauer 2022 aber ungefähr den gleichen Ertrag wie ihre Kollegen in Litauen. Für die estnische Branche spielen die Hersteller von Maschinenteilen ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Rund die Hälfte der Produktion entfällt auf sie.
Lettlands Maschinensektor wächst stark
Lettlands Maschinenbauer meldeten für 2022 einen Produktionswert von 391 Millionen Euro und damit den niedrigsten Wert im baltischen Vergleich. Der Sektor wächst jedoch deutlich stärker als in Estland und Litauen: Während der Produktionswert in Estland und Litauen zwischen 2019 und 2022 nominal um rund ein Drittel gestiegen ist, legte er in Lettland um mehr als 50 Prozent zu.
Deutschland ist ein wichtiger Markt für finnische Vorprodukte
Gemessen am Beitrag zur Bruttowertschöpfung spielt der Maschinenbau in Finnland eine wichtigere Rolle als in Estland, Lettland oder Litauen. Die finnische Branche wird von wenigen großen international bekannten Herstellern wie Kone, Wärtsilä oder Valmet dominiert. Gleichzeitig spielen die kleinen und mittelständischen Produzenten von Maschinenteilen eine wichtige Rolle. Sie erwirtschaften ein Drittel des Gesamtumsatz der Branche.
„Deutschland ist ein wichtiger Markt für finnische Hersteller von Vorprodukten für den Maschinenbau", hebt Petteri Rautaporras, Chefvolkswirt des finnischen Verbandes der technischen Industrien (Teknologiateollisuus) die Bedeutung des deutschen Absatzmarktes hervor. Wie Handelszahlen von Eurostat zeigen, exportierte Finnland 2023 Teile für Maschinen und Anlagen im Gesamtwert von 4,3 Milliarden Euro. Deutschland war nach den Niederlanden, den USA und China der viertwichtigste Exportmarkt.
In der Holzverarbeitung ist die Region groß: Rund 10 Prozent der europäischen Branchenleistung wird hier erwirtschaftet, doch viele Einkäufer haben den Markt noch nicht entdeckt.
In keiner Region der EU spielt die Holzverarbeitung eine so große Rolle wie in Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Das zeigen die neusten verfügbaren Daten von Eurostat. Die vier Länder belegen in der EU-Statistik zum Anteil der Herstellung von Holzwaren an der nationalen Bruttowertschöpfung die ersten vier Plätze.
Aber auch für die europäische Wirtschaft ist die Holzverarbeitung aus der Region entscheidend. Die vier Länder erwirtschaften trotz ihrer vergleichsweise kleinen Einwohnerzahl einen großen Beitrag zur europäischen Branchenleistung. Besonders Lettland und Estland stechen im EU-Vergleich hervor.
10%
der gesamten Bruttowertschöpfung der holzverarbeitenden Industrie (ohne Möbel) in der EU wurden 2022 in Finnland, Estland, Lettland und Litauen erwirtschaftet.
Wie Detailzahlen zeigen, spielt der Export der Waren für alle vier Länder eine sehr große Rolle. In den drei baltischen Staaten lagen die Exportquoten der Holzverarbeiter bei über 70 Prozent.
Die im europäischen Vergleich große exportorientierte Branche ist für ausländische Einkäufer ein interessanter Markt. Zumal die Holzverarbeiter aktiv auf der Suche nach alternativen Absatzmärkten im Ausland sind. Dabei nehmen sie Deutschland stärker in den Fokus, denn die Holzindustrie in den vier Ländern leidet unter der Flaute in der europäischen Baubranche. Besonders der skandinavische Wohnungsbau ist für die Firmen ein wichtiger Abnehmer. Dieser stockte aber zuletzt massiv.
Automatisierung auf dem Vormarsch
Estland ist bekannt für sein digitales Know-how. Das spiegelt sich auch in der Holzindustrie wider. Hier werden Prozesse zunehmend automatisiert, um Flexibilität, Effizienz und wettbewerbsfähige Preise zu ermöglichen. Immer mehr estnische Firmen sind in der Lage, das Holz zu veredeln und Wertschöpfungsprodukte wie Thermoholz, Biomaterialien, modulare Gebäude herzustellen.
Laut der staatlichen Handelsagentur Enterprise Estonia ist Estland der größte Exporteur von vorgefertigten Holzhäusern in Europa. Die Branche sieht vor allem in diesem Bereich noch Potenzial, stärker auf dem deutschen Markt vertreten zu sein.
Ein Best-Practice-Beispiel ist das estnische Unternehmen Matek. Der Hersteller von Holzrahmen- und Modulhäusern sowie Fassadenelementen aus Holz produziert in Estland, bietet seine Waren aber bereits seit mehreren Jahren auf dem deutschen Markt an.
"Ein weiterer bedeutender Aspekt der estnischen Holzindustrie ist die Biochemie, die das Engagement Estlands unterstreicht, das volle Potenzial von Holz auszuschöpfen", berichtet Enterprise Estonia.
Holzverarbeiter forschen nach neuen Produkten
Auch die finnische Branche hat sich vorgenommen, das volle Potenzial des Rohstoffes Holz auszunutzen. Die Branche ist im Strukturwandel hin zu einer Biowirtschaft und forscht, welche Produkte noch aus Holz und aus den Abfallströmen bei der Holzverarbeitung entstehen können. Beispiele sind Kosmetika, pharmazeutische Produkte und Lebensmittel.
Zu den Innovationen der Branche gehören Verbundwerkstoffe aus Holz und Kunststoff sowie verschiedene Biochemikalien und Biopolymere, die in der Chemie-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie benötigt werden. Neue Verfahren ermöglichen in Finnland auch die Verwendung von aus Holz gewonnenen Rohstoffen zur Herstellung von Kleidung, Kunststoff, Asphalt oder Tierfutter.
Papier, Pappe, Karton und Zellstoff aus Finnland
Finnland hat eine lange Tradition in der Holzverarbeitung. Mehr als 75 Prozent der finnischen Landfläche sind bewaldet. Im Verhältnis zur Fläche ist das nordische Land das waldreichste in Europa.
In Finnland spielt neben der Holzverarbeitung auch die Herstellung von Papier, Pappe, Karton und Zellstoff eine wichtige Rolle. Der Rückgang der Nachfrage nach Papier hat zu Schließungen von Papierfabriken im Land geführt. Der boomende Online-Handel lässt hingegen die Nachfrage nach Pappe und Karton steigen.
Die finnische Holzindustrie importiert rund 5 Prozent des Rohholzes. In der Vergangenheit hat russisches Holz dabei eine wichtige Rolle gespielt. Infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist der Import jedoch zum Erliegen gekommen. Ersetzt werden die Einfuhren aus Russland durch einen stärkeren Einschlag der nationalen Wälder sowie durch höhere Importe von Holz aus anderen Ländern, allerdings zu höheren Preisen. Insbesondere aus Estland, Lettland und Litauen, aber auch aus Schweden importiert Finnland Rohholz.
Immer mehr IT-Unternehmen aus Finnland, Estland, Lettland und Litauen verdienen ihr Geld im Ausland. Ihr Deutschlandgeschäft gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung.
Estland genießt europaweit den Ruf als digitaler Vorreiter. Und das kommt nicht von ungefähr: Kein anderer Staat der EU hat gemessen an der Einwohnerzahl so viele Start-ups hervorgebracht wie das baltische Land.Die größte Rolle spielen dabei Start-ups aus dem Digitalsektor.
Und noch beindruckender: Kein anderes Land auf der Welt kann so viele Unicorns pro Kopf, also Start-ups mit einer Bewertung von über 1 Milliarde US-Dollar, vorweisen wie Estland. Insgesamt 10 solcher Jungunternehmen - alle aus der IT-Branche - zählt das kleinste baltische Land bereits. Zu ihnen gehören bekannte Namen wie Skype, Bolt und (Transfer-)Wise.
IT-Branche wächst sehr schnell
Interessant aus deutscher (Einkäufer-) Sicht sind aber bei weitem nicht nur die estnischen Start-ups. Im Land ist eine breit aufgestellte Branche für Programmiertätigkeiten und die Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie entstanden. Die estnischen Unternehmen bieten eine weite Palette an Dienstleistungen und Lösungen an, die von Softwareentwicklung über Cybersicherheit bis hin zu digitalen Verwaltungsdiensten reichen.
Die Branche hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. So erwirtschafteten die IT-Unternehmen in Estland 2023 nach Angaben von Eurostat einen Produktionswert von 5,4 Milliarden Euro. Im Jahr 2019 waren es noch weniger als 2 Milliarden Euro. Damit hat sich die estnische Branche als wichtigstes Standbein des heimischen Dienstleistungssektors etabliert.
Estland ist aber mitnichten das einzige baltische Land, das im Bereich Programmierungstätigkeiten und Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie eine Menge vorzuweisen hat. Auch die lettischen und litauischen Kollegen haben ihre Tätigkeiten in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut.
Auslandgeschäft spielt eine enorme Rolle
Die positive Entwicklung des Produktionswerts von Programmierungstätigkeiten und der Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie ist dabei nicht die einzige Gemeinsamkeit der drei baltischen Staaten.
Wie Handelszahlen von Eurostat zeigen, spielt das Auslandsgeschäft aufgrund der kleinen heimischen Marktgröße eine enorme Rolle für die estnischen, lettischen und litauischen Firmen der Branche. Die USA sind für Estland, Lettland und Litauen der wichtigste Auslandsmarkt in diesem Bereich.
Blick geht nach Deutschland
Spannend aus deutscher Sicht: Deutschland rückt als Absatzmarkt immer stärker in den Fokus des Sektors. Alle drei Länder verzeichnen eine stetige Zunahme des Dienstleistungsexports des Sektors nach Deutschland.
Das gleiche Phänomen lässt sich in Finnland beobachten. Auch das nordische Land verzeichnet im Bereich derProgrammierungstätigkeiten und der Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie steigende Dienstleistungsexporte nach Deutschland. Nach den USA und Schweden ist der deutsche Markt für die finnischen Firmen der drittwichtigste Absatzmarkt.
„Finnische Unternehmen haben die besten digitalen Skills in der EU. Wir haben hier laut EU den digitalsten Mittelstand, und rund 80 Prozent der finnischen Unternehmen nutzen bereits KI, Cloud- oder Data-Analytics, auch das ist der EU-Spitzenwert. Zahlreiche finnische Firmen helfen bereits jetzt deutschen Unternehmen bei ihren Herausforderungen.“
Jan Feller
Geschäftsführer Deutsch-Finnische Handelskammer (AHK Finnland)
Der Anteil der Dienstleistungsexporte an den Gesamtexporten Finnlands ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Das ist hauptsächlich auf die Programmierungstätigkeiten und die Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie zurückzuführen. Im Jahr 2023 machte der Bereich fast ein Drittel der gesamten finnischen Dienstleistungsexporte aus.
Die Wirtschaftsfördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) liefert Informationen zu Absatz- und Liefermärkten und informiert über Chancen und Risiken. An über 50 Standorten weltweit recherchieren Auslandskorrespondenten die neuesten Entwicklungen. Zudem stellt GTAI Informationen zu Recht und Zoll sowie Projekten und Ausschreibungen bereit.
Passende Dienstleistung finden
Die Auslandshandelskammern (AHK) unterstützen die deutsche Wirtschaft in mehr als 90 Ländern. Bei der Suche nach passenden Geschäftspartnern bieten die AHK verschiedene Dienstleistungspakete an. Das Spektrum reicht von einem ersten Marktüberblick bis zur Terminvereinbarung beim zukünftigen Geschäftspartner. Sitz der AHK Finnland ist Helsinki. Die AHK Baltikum hat in Tallinn, Riga und Vilnius einen Sitz.
Lieferanten direkt treffen
Auf Initiative der Bundesregierung findet 2025 erstmals die Einkaufsinitiative Finnland, Estland, Lettland und Litauen statt. Sie gehört zum Markterschließungsprogramm von GTAI und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Dabei treffen Zulieferer aus der Region auf deutsche Einkäufer. Durchgeführt wird die Veranstaltung vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) in Zusammenarbeit mit der AHK Finnland und der AHK Baltikum.
Stabile Lieferketten sind ein kritischer Faktor für den Unternehmenserfolg. Wir bieten praktische Hinweise zu Chancen und Risiken, die Unternehmen bei der weltweiten Beschaffung im Blick haben sollten.
Sie suchen in Ihrem Gastland Mitarbeiter und wollen vorab die Arbeitskosten kalkulieren? Antworten finden Sie in unserer Reihe „Arbeitsmarkt“ (ehemals "Lohn- und Lohnnebenkosten").
Flagge Finnland
Finnland
Finden Sie alle relevanten Informationen zur Wirtschaft in Finnland: Wirtschaftsumfeld, Branchen, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekte.
Finden Sie alle relevanten Informationen zur Wirtschaft in Estland: Wirtschaftsumfeld, Branchen, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekte.