Wirtschaftsumfeld | Serbien | Wirtschaftsstruktur
Industrie und Dienstleistungen dominieren Wirtschaftsstruktur
Serbien ist der wirtschaftliche Motor des Westbalkans. Getragen wird das Wachstum von einer breiten Industriebasis in mehreren Zentren des Landes und dem Dienstleistungssektor.
04.04.2025
Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad
Serbien ist die mit Abstand größte Volkswirtschaft auf dem westlichen Balkan. Die Wirtschaft ist breit aufgestellt und wird vor allem von der verarbeitenden Industrie sowie dem Dienstleistungssektor getragen. Dienstleistungen erwirtschaften mehr als die Hälfte der Bruttowertschöpfung des BIP.
Das verarbeitende Gewerbe stützt sich auf die breite industrielle Basis. Stark entwickelt sind vor allem die Kfz-Zulieferindustrie und die Verarbeitung von Metall. Weitere wichtige Zweige sind die Lebensmittel- und Holzverarbeitung.
Serbien hat viele Bodenschätze - Abbau von Lithium umstritten
Serbien ist reich an Bodenschätzen. Den Bergbau dominieren jedoch Staatskonzerne aus der VR China. Sie fördern Kupfer in den Minen Bor und Majdanpek. Zur Energiegewinnung wird vor allem Kohle gefördert. Perspektivisch bietet der Abbau von Lithium im Jadartal Chancen. Doch dieses Vorhaben ist in weiten Teilen der Bevölkerung aufgrund der Auswirkungen auf die Umwelt sehr umstritten und führt immer wieder zu massiven Protesten.
Bei der Verarbeitung von Öl und Gas dominiert der Ölkonzern NIS, an dem das russische Unternehmen Gazprom Neft beteiligt ist. Um möglichen Sekundärsanktionen der USA zu entgehen, forciert die Regierung einen Eigentümerwechsel bei dem Unternehmen.
Die serbische Landwirtschaft ist durch viele kleine Familienbetriebe geprägt. Landwirtschaft in kommerziellem Ausmaß findet vor allem in der fruchtbaren Region Wojwodina statt. In manchen Bereichen gehört das Land zur internationalen Spitze, zum Beispiel beim Anbau von Himbeeren.
Im Dienstleistungssektor wächst die Produktion von Informations- und Kommunikationstechnologien dynamisch. Die Entwicklung der Branche unterstützen Technologieparks. Beim Tourismus war Serbien 2024 das am schnellsten wachsende Reiseziel in Europa. Das Land investiert in den Ausbau von Spa- und Wellnesstourismus.
Serbiens Wirtschaft hat seit dem Ende Jugoslawiens bereits mehrere Umbrüche erlebt. Seit dem Antrag auf EU-Mitgliedschaft 2009 dominieren vor allem Reformen und die Anpassung an EU-Standards die Wirtschaftspolitik des Landes. Aktuell steht die serbische Wirtschaft vor der Aufgabe, die grüne Transformation zu bewältigen. Damit serbische Firmen auch nach dem 1. Januar 2026, dem Tag des Inkrafttretens des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), in den Lieferketten deutscher Firmen bleiben können, müssen sie verstärkt in grüne Technologien investieren.
Ausführliche Informationen zur Wirtschaft finden Sie in den Wirtschaftsdaten kompakt.
Deutsche Firmen schätzen Potenzial des Standorts Serbien
Das größte Westbalkanland steht nicht erst seit der Coronapandemie bei deutschen Unternehmern hoch im Kurs. Eine gute industrielle Basis, verfügbare gut ausgebildete Fachkräfte sowie vergleichsweise niedrigere Kosten für Personal und Energie locken immer mehr kleine und mittelständische Betriebe ins Land. Besonders als Nearshoring-Standort und Beschaffungsmarkt macht sich Serbien einen Namen.
Im World Business Outlook der Auslandshandelskammern (AHK) vom Herbst 2024 beurteilen die teilnehmenden Unternehmen sowohl ihre aktuelle Geschäftslage in Serbien als auch ihre Konjunkturerwartungen positiver als im weltweiten Vergleich. Bei den Investitionsabsichten schneidet das Land hingegen schwächer ab. Dies dürfte daran liegen, dass nach der Coronapandemie zahlreiche deutsche Unternehmen Investitionsprojekte im Land bereits realisiert haben. Aktuell ist eine gewisse Sättigung bei Investitionen erkennbar.
Bei den Risiken dominieren die schwächelnde Nachfrage nach Vorprodukten aus Mitteleuropa, die steigenden Arbeitskosten sowie der Fachkräftemangel. Seit der landesweiten Protestbewegung muss bei den Standortnachteilen zudem eine gewisse politische Instabilität genannt werden.
Automobilbau und IT-Industrie zielen auf höhere Wertschöpfung
Das verarbeitende Gewerbe ist einer der wichtigsten Wachstumstreiber Serbiens. Dabei sticht vor allem die Automobilindustrie hervor. Rund 95.000 Menschen arbeiten landesweit in Auto- und Zulieferfabriken. Verlagerten europäische Autobauer zunächst einfache, aber arbeitsintensiven Tätigkeiten ins Land, geht aktuell der Trend hin zur Herstellung von Produkten mit einer tiefergehenden Wertschöpfung. Einige Lieferanten wie ZF lokalisieren zudem Forschung und Entwicklung in Serbien.
Ein vergleichbarer Trend zeichnet sich auch bei Informationstechnologien ab. Die Erbringung digitaler Dienstleistungen boomt und der Umsatz der Branche mit mehr als 100.000 Beschäftigten legt pro Jahr um rund ein Fünftel zu. Wichtigster Wachstumstreiber ist die Entwicklung von Software. Auch internationale Branchenriesen wie Microsoft oder Huawei nutzen das vorhandene Potenzial gut ausgebildeter Programmierer und unterhalten vor Ort Entwicklungszentren. Daneben wächst eine dynamische lokale Start-up-Szene heran.
Sektoren | Anteil an der nominalen Bruttowertschöpfung 2023 | Anteil an den Beschäftigten 2023 |
---|---|---|
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 3,8 | 13,1 |
Bergbau (inklusive Öl- und Gasförderung) | 2,8 | 0,9 |
Verarbeitendes Gewerbe | 13,3 | 28,2 |
Energieversorgung | 2,0 | 2,2 |
Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung | 0,8 | 2,2 |
Baugewerbe | 5,0 | 6,7 |
Groß- und Einzelhandel | 10,4 | 22,5 |
Transport und Logistik | 4,0 | 7,4 |
Information und Kommunikation | 8,2 | 6,2 |
Regionen Belgrad und Novi Sad bleiben bedeutendste Wirtschaftszentren
Serbien ist in mehrere Regionen unterteilt, die jeweils unterschiedlich stark zur Wirtschaftsleistung beitragen. Wirtschaftlicher Dreh- und Angelpunkt Serbiens ist die Hauptstadt Belgrad. Die Metropole ist Schwerpunkt der Geschäftsaktivitäten und ausländischer Investitionen und fungiert als Zentrum für Forschungs- und Entwicklungszentren (F&E), für den Dienstleistungssektor sowie die öffentliche Verwaltung.
Belgrad geht im Norden in die Region Wojwodina über. Die Wojwodina ist Serbiens Kornkammer. Zugleich ist sie auch ein geeigneter Standort für das verarbeitende Gewerbe. In und um die größeren Städte wie Novi Sad, Zrenjanin, Subotica, Pančevo und Vršac haben sich Industriebetriebe angesiedelt. Novi Sad ist zudem Standort für F&E-Aktivitäten.
Der Süden und Osten Serbiens gelten als eher strukturschwache Regionen. Einzelne Ansiedlungen von Unternehmen tragen aber dazu bei, ein dynamisches Wachstum anzufeuern. Die Entwicklungsagentur Serbiens (Razvojna agencije Serbije RAS) unterstützt über entsprechende Subventionen die Ansiedelungen von Unternehmen vor allem in diesen Regionen.
Gebiet | BIP pro Kopf (in US$) *) |
---|---|
Belgrad | 21.980 |
Wojwodina | 13.446 |
Šumadija und Westserbien | 8.817 |
Süd- und Ostserbien | 8.636 |